3 Wochen lang blind, ein Experiment

2007 machte die Künstlerin Marietta Schwarz einen „Blindversuch“ und verzichtete mehrere Wochen lang komplett auf das Sehen. In einem Bericht über diese Zeit schrieb sie unter anderem über den Besuch einer Kunstausstellung, Spaziergänge im Freien, eine wunderbare Grotte am Rhein, den Kölner Dom, künstlerisches Arbeiten und ihre abschließende „Entblindung“ unter ärztlicher Aufsicht. Es geht um Raumwahrnehmung, innere Bilder, Phantasie, Orientierung, Hören, Fühlen, Riechen, Erinnerungen und mehr.
Ich finde den Text sehr schön geschrieben. Marietta Schwarz hat vieles gut reflektiert auf den Punkt gebracht. Ich habe nach meiner Erblindung ähnliche, sehr überraschende Wahrnehmungserfahrungen gemacht und mache sie gelegentlich noch immer. :-)

Für einige Wochen blind zu sein, ist natürlich nicht besonders beängstigend, weil man weiss, dass man danach wieder normal sehend weiterleben kann. Genau das aber macht den Text aus meiner Sicht so interessant. Es geht um positive Aspekte der Blindheit, um veränderte, nicht-visuelle Sinneswahrnehmungen, geschildert aus einer entspannten Situation heraus.

Einige Zitate aus dem Bericht:
„Ich bin verblüfft, dass ich eine visuelle Erinnerung an meinen ersten Tag des Nicht-Sehens habe. In den ersten Tagen des Nicht-Sehens stelle ich mir die meisten Szenen vor, die ich gerade erlebe und male sie mir aus, in dem ich meine Erinnerung zitiere. Das mache ich aber nicht bewusst, sondern diese Bilder stellten sich von selbst ein. […] Die schönsten Erlebnisse habe ich draußen, weswegen ich am Nachmittag und am Wochenende lange Spaziergänge in Begleitung unternehme. Diese Spaziergänge dehnen sich immer weiter aus und wir besuchen sehr unterschiedliche Orte, meine Begleiter überraschen mich immer wieder aufs Neue mit anregenden Orten. […]
Meine Ohren hören 360° in alle Richtungen. Seitdem ich nicht mehr sehe, befinde ich mich im Zentrum einer großen Soundglocke, die sich meinen Bewegungen anpasst und deren akustische Atmosphäre sich mit dem Verlauf der örtlichen Gegebenheiten wandelt. […] Ich bin nicht mehr so ausschnitthaft nach vorne ausgerichtet, wie bei der visuellen Wahrnehmung, je nachdem wo ich hinschaue, sondern es ist eher so, dass ich als Gesamteindruck einen Kugeleindruck habe. […] Ich höre mir selber beim Laufen zu und erlerne die akustische Orientierung mit selbst geschaffenen Geräuschen. Ich höre wie sich der Ton entwickelt, wenn ich mitten im Raum bin, wenn ich zu einer Wand laufe, wenn ich vor einer Tür bin oder vor einem Fenster. […] Je weiter sich die Bilder von mir entfernen, desto deutlicher spüre ich den Raum und desto klarer wird meine nicht-visuelle Orientierung. Am Ende ist es so, dass ich beim Laufen und anderen konzentrierten Aktivitäten keinerlei Bildvorstellungen mehr habe; erst wenn ich still sitze und entspanne schieben sie sich im Nachhinein unter meine Erlebnisse. […] Ich bin begeistert von meinen neuen Fähigkeiten und frage mich, ob und wie ich sie erhalten kann, wenn ich wieder sehe. Meine Raumerlebnisse sind so intensiv, dass ich mir wünsche beides zu leben. […]
Ich sehe wieder und das erste, was mir auffällt: Mein Raumgefühl ist sofort weg. Das gibt’s doch nicht! Von jetzt auf gleich, nicht mal eine Übergangsphase. Ich bin wieder an Land. Ich bin traurig darüber, denn von meinem Wunsch, beides zu haben, den präsenten Raumeindruck und das Sehen, davon muss ich mich wohl verabschieden.“

Den vollständigen Bericht inklusive einiger Abbildungen der während des Experiments entstandenen künstlerischen Arbeiten gibt es auf Archimaera.de als PDF. Nachstehend eine von mir gekürzte Fassung; noch immer lang, aber lesenswert.

Blindversuch (Marietta Schwarz, Köln, 2007)

Ein Bericht über die Raumerfahrung des Nichts-Sehens

Der Gedanke zum Blindversuch kam mir 2004, als ich erneut Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch las. Spontan entstand der Gedanke, Gantenbeins Pseudorealität zu adaptieren, es dabei aber wahr zu machen: für einen begrenzten Zeitraum tatsächlich nicht mehr sehen. Die gleiche Verkleidung: einen Mantel, eine Brille, die Armbinde und den Blindenstock. Mir fiel eine Arbeit von Timm Ulrichs ein: „Ich kann keine Kunst mehr sehen“, steht auf einem Plakat, das vor seiner Brust hängt. Auch er trägt die Verkleidung Gantenbeins.
Ich fragte mich: Was macht eine Künstlerin im Atelier, wenn sie nichts mehr sieht? Diese Idee hatte zunächst etwas Befreiendes: ein neues Raumgefühl, ungetrübt durch die ständige Ablenkung durch die alltägliche Bilderflut! Den Raum fühlen! In eine andere Wahrnehmung eintauchen – das wollte ich unbedingt erleben!
Ich beschäftigte mich mit Fragen der visuellen Wahrnehmung im Gehirn und erfuhr: Ein Blindgeborener, der nach einer Operation sein Augenlicht wiedergewinnt, kann nicht automatisch sehen, weil er die neu gewonnenen Bilder zunächst nicht seinen Bewusstseinsinhalten zuordnen kann. Das Bildbewusstsein ist Teil des Sehens, daher müssen sich seine neuen Wahrnehmungen mit seinen Bewusstseinsinhalten erst neu verbinden. Ich dachte, wenn ich schon so eine verrückte Sache mache, dann ist es sinnvoll, sie der Wissenschaft anzubieten. Ich habe mich sehr gefreut, als sich Professor Wolf Singer im Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main der Sache angenommen hat.
Auch die Frage, wer mich in der Zeit des Nicht-Sehens als Assistent unterstützen würde, hat mich sehr beschäftigt. Immerhin würde diese Person in fast allen Lebenslagen zugegen sein. Eine intime Angelegenheit, die viel Einfühlsamkeit erfordert. So war ich erleichtert, dass mein guter Freund Till Hoinkis und meine Schwester sich die Zeit nehmen konnten. Sie haben diese anspruchsvolle Aufgabe mit großer Achtsamkeit und viel Gespür für die Situation wahrgenommen.

Raumerlebnisse

Mein Hauptinteresse bei der Durchführung des Blindversuchs war es, eine andere Raumerfahrung zu machen. Ich wollte erleben, wie sich meine Wahrnehmung ändert, wenn ich das Sehen einstelle. Ich wollte wissen, wie es ist, wenn ich meinen Fernsinn bewusster erlebe. Ich wollte den Raum fühlen.
„Raum“ verstehe ich dabei als allgemeinen räumlichen Kontext im Innen und Außenraum, Architekturraum, Landschaftsraum, alle Zusammenhänge, in denen meine dreidimensionale Orientierung herausgefordert wird. Gespräche mit blinden Menschen, die mir von ihren Raumwahrnehmungen erzählten, aber auch Beispiele aus der Literatur oder der Zoologie, vermittelten mir, dass sich über akustisch-haptische Wahrnehmungen andere Räume eröffnen können. Davon wollte ich einen Eindruck bekommen.
Außerdem interessierte mich die Frage, was ich als Künstlerin im Atelier machen würde, wenn ich nicht mehr sehe.

Besuch einer Kunstausstellung

Am ersten Tag des Blindversuchs besuchten Till und ich den so genannten Rundgang, die Jahresausstellung an der Kunstakademie Düsseldorf, wo ich studiert habe. Ich war beeindruckt, wie unmittelbar sich mein Gehirn umstellte. Da ich mich in der Begleitung meines Assistenten Till in sicherer Obhut wusste, konnte ich mich spielerisch meinen neuen Wahrnehmungsweisen annähern. Ich wusste, mir kann nichts passieren, daher konnte ich mich gut auf die Situation einlassen und mich erproben. Nach meinem akustischen Tagebuch:

Ich hake mich bei Till ein und wir gehen zum Auto. Im Wagen sitzend fühle ich die Begrenzung des Wagens, nur vage spüre ich die Offenheit der Frontscheibe. Es kommt kalt daher. Till erzählt und stellt mir Fragen während der Fahrt, die ich beantworte, indem ich ihn vor mir sehe. Ich starre hinter meine Pflaster ins Graue und sehe Till vor meinem geistigen Auge: in seinem Mantel und seinem Pullover, wie er hin und wieder zu mir herüberschaut während des Gesprächs.
Das kann ich hören. An der Richtung seiner Stimme höre ich genau, wie er ausgerichtet ist. Gleichzeitig starre ich in eine graue Substanz. Die Simultanität von Nicht-Sehen und Vorstellungsbildern auf dieser Autofahrt ist etwas verwirrend für mich. Ich mache ein paar Fotos, um später zu wissen, wie der Tag war. „Trüb“, sagt Till, „regnerisch und grau.“
An der Kunstakademie bekommen wir einen Parkplatz direkt vor dem Eingang. Wir schließen uns den hereinströmenden Menschen an, die Atmosphäre ist aufgeladen und vibriert. Ich merke den Strom von Menschen und den Luftzug durch die sich immer wieder öffnende Eingangstür, wenn neue Menschen hineinströmen. Auch hier sehe ich alles vor meinem inneren Auge und beschreibe Till, welche Ausstellungen ich mir gerne anschauen möchte und wo diese sind. Meine Ortskenntnis ist dabei von Vorteil. Die Erinnerungsbilder von vergangenen Jahresausstellungen, die in mir hochkommen, zeigen mir: Hier kenne ich mich gut aus. Ich weiß, wo ich bin.
Es ist der erste Tag. Ich will mich nicht unnötig überfordern und bleibe bei Till untergehakt, dabei konzentriere ich mich auf meine Wahrnehmung. Ich bin überrascht, was sie mir alles preisgibt. Die Kunstakademie mit ihren hohen Räumen und langen Fluren ist ein ideales Übungsfeld. Es fällt mir leicht, die Orientierung zu behalten: Die deutliche Luftströmung, die Bewegung der Stimmen und Menschen geben klar die Richtung vor. Kommt ein Luftzug von der Seite, ist es eine Tür, die sich zu einem der Klassenräume öffnet. Auch das Ende eines Ganges, eine Ecke oder Treppe erkenne ich durch Richtungsänderungen der Luftströmung und des Klangs. Menschen unterbrechen den Luftstrom und sind vage wärmer. Ich bin erleichtert, an Tills Arm sicher geleitet, dass ich so schnell etwas spüre von meiner neuen Wahrnehmung. Es scheint gar nicht so schwer, das Nicht-Sehen.
Wo sind all diese Eindrücke, wenn meine Augen offen sind? wundere ich mich. Ich bin eingebettet im Raum, denke ich, das gefällt mir. Das ist es, was ich will, den Raum fühlen, und stelle fest, je länger ich hier an der Akademie herumlaufe, desto deutlicher wird diese Einbettung. Die Akademie ist ein guter Klangkörper, alle Geräusche hallen von den Wänden und vom Steinfußboden zurück, es ist zwar manchmal etwas verwirrend, aber ich weiß immer ungefähr, wo und wie ich ausgerichtet bin. Da hilft mir meine Erinnerung, auch wenn die Erinnerungsbilder, die dauernd hochkommen teilweise verwirrend sind. Doch insgesamt ist der Raumeindruck so faszinierend und stark, dass ich ganz begeistert bei der Sache bin.
Wir gehen zielstrebig einmal durch alle Räume auf allen Etagen, dabei führe ich meine kleine Handkamera und Till dirigiert mich beim Filmen: „Ja, jetzt etwas höher, ja genau! Jetzt einen kleinen Schwenk nach links…“ und so weiter. Auch ich kann keine Kunst mehr sehen, aber filmen und bin gespannt, was ich nachher alles auf meinem Videomaterial finde.
Till beschreibt mir in jedem Raum die ausgestellten Arbeiten. Ich stelle mir die Kunstwerke nach seinen Beschreibungen automatisch vor. Unwillkürlich. Einige wenige Arbeiten ordne ich ehemaligen Kommilitonen zu. Die Kunstwerke selbst kann ich kaum spüren, nur drei erregen von sich aus meine Aufmerksamkeit: eine akustische Arbeit mit einem Klang, wie bei den Lottozahlen, das Fallen vieler Ping-Pong-Bälle. Es ist eine Installation zum Hineinlegen, und ich bin nicht-sehend begeistert von diesem Klang- und Raumerlebnis. Ein weiteres Werk duftet sehr intensiv nach moderiger Erde und Heu. Es erfüllt für mich den ganzen Raum. Und in einem weiteren Raum duftet es orientalisch nach Gewürzen und Duftstäbchen. Das ist zu viel für mich! Lieber weg hier.
In einem kleinen Raum auf halber Treppe kommen wir mit einem Künstler ins Gespräch und er gestattet es mir, seine kleinen Miniaturen aus polierten Steinen und sein schweres taiwanesisches Papier zu berühren. Das ist eine schöne, sehr angenehme haptische Erfahrung. Die Steine sind unterschiedlich schwer und sind unterschiedlich temperiert, von warm bis kalt. Das Papier ist warm, griffig und schwer, es hat eine raue Oberfläche. Ich sehe den Raum vor mir, er ist nicht tief und dabei voll gestellt, mit Tischen im Vordergrund, auf denen die Arbeiten des Künstlers angeordnet sind. Im Hintergrund gestapelte Dinge, nach rechts hin geht es in Stückchen hinein. Die Enge und Fülle und das Gestapelte entnehme ich diffus meinen Wahrnehmungseindrücken, die Tische mit den Arbeiten ergänze ich nach Tills Erläuterungen frei nach Vorstellung. Ich kenne den Raum, hier war einmal eine kafkaeske Installation mit mehreren sich ineinander öffnenden Türen. Das fällt mir wieder ein und gesellt sich zu meinen anderen Eindrücken.
Ansonsten fallen meiner Wahrnehmung am meisten die kulinarischen Stationen auf, der Duft nach Waffeln leitet mich der Nase nach.
Als wir die vordere Seitentreppe nehmen, bin ich schockiert: Ich komme völlig aus dem Tritt und gerate aus dem Gleichgewicht. Beinahe wäre ich gefallen, trotz Tills Begleitung. Ich kann es kaum fassen: Die Treppe ist total marode, die Stufen haben unterschiedliche Höhen und sind teilweise ganz durchgetreten. Es kommt mir vor als wären tiefe Mulden in den Stufen. Mir ist bekannt, dass diese Treppen alt sind, aber wie schlimm es um sie steht, das spüre ich erst jetzt. Es erstaunt mich, was das sehende Auge beim Gehen auf diesen Stufen ausgleicht.
Sobald ich still stehe, kommen die Vorstellungen zurück, gehen wir weiter, treten sie in den Hintergrund oder verschwinden ganz. Eine ehemalige Mitstudentin spricht mich auf meine Augenpflaster an. Sie fragt, „Hattest Du einen Unfall oder machst Du eine Performance?“ Keiner sonst spricht mich an und ich vermute, dass alle hier die Performance erkennen, erst recht, als wir noch einmal mit Kameramann Reimund Meincke durch einige Räume streifen, und er uns dabei filmt.
Auf der Rückfahrt bin ich erschöpft und begeistert zugleich. Ich bin stolz, dass ich das heute so gut geschafft habe und froh, dass ich so viel gespürt habe. Zuhause werde ich imperativ müde, – ich kann nicht mehr, ich muss ins Bett.
Am nächsten Morgen wache ich auf und denke über den Besuch an der Kunstakademie nach. Ich bin verblüfft, dass ich eine visuelle Erinnerung an meinen ersten Tag des Nicht-Sehens habe. Ich kann es nicht fassen: Mein Gehirn fabuliert sich seinen eigenen Film zusammen, der sich speist aus tatsächlichen früheren visuellen Erinnerungen, meinen Vorstellungen zu Tills Beschreibungen und den multisensorischen Wahrnehmungen des Tages, zu denen diese Erinnerungsbilder generiert werden. Ich kann unseren Gang durch die Akademie „filmisch“ nacherleben und sehe Kunstwerke, die ich nie vor Augen hatte.

Das Nicht-Sehen und die Bilder

Das Schwarz vor meinen Augen ist räumlich und strukturiert. Es breitet sich vor mir aus wie ein Universum aus kleinen wolkigen Pinselflecken. Ich kann es nur sehen, wenn ich mich in einem meiner vollkommen abgedunkelten Räume aufhalte oder wenn ich meine absolut lichtdichte Schwimmbrille aufsetze. Ansonsten trage ich Pflaster vor den Augen, zusätzlich eine sehr dunkle Sonnenbrille, was ein Grau vor meine Augen bringt, lichtabhängig und sehfeldgleich.
Sobald ich in die vollkommene Dunkelheit gehe, kommt das räumliche Schwarz zurück. Gerade in den ersten Wochen spielen sich dort erstaunliche Phänomene ab: Ich sehe völlig neue dreidimensionale Bilder, die ich als „gehirn-interne Bilder“ oder „Eigenbilder des Gehirns“ bezeichnen würde. In der Literatur werden sie auch als Fotome bezeichnet, das Max-Planck-Institut spricht von Halluzinationen und will sie erforschen. Ich notiere genau, wann sie auftreten, wie lange sie anhalten und wie sie aussehen, damit ich sie später visuell darstellen kann. Ich nenne sie Leopardenfell, Tapetenmuster oder Vorspann Raumschiff Enterprise.
Am stärksten treten sie in der ersten Woche des Blindversuchs auf, wenn ich in meinen abgedunkelten Raum ins Atelier gehe, im Übergang von der Bewegung zur Ruhe. Manchmal kommen sie auch abends, im Laufe der Zeit werden diese Bilder immer weniger. Und sie werden grau. Sie treten schließlich nur noch vereinzelt auf, und ich hoffe sehr, dass bis zur funktionellen Magnetresonanztomographie-Untersuchung im MPI noch genug vorhanden sind. (Gott sei dank, ja.)

Mir ist klar, dass das Verschließen der Augen nicht mit der sofortigen Abwesenheit von Bildern gleichzusetzen ist, aber dass mich eine solche Bilderflut erfassen würde, überrascht mich doch. Die Grenze zwischen Sehen und Nicht-Sehen verläuft für mich sehr unscharf. In den ersten Tagen des Nicht-Sehens stelle ich mir die meisten Szenen vor, die ich gerade erlebe und male sie mir aus, in dem ich meine Erinnerung zitiere. Das mache ich aber nicht bewusst, sondern diese Bilder stellten sich von selbst ein.
Mit anderen Ereignissen in dieser ersten Woche ergeht es mir ähnlich. Am vierten Abend des Blindversuchs kommen Freunde zum Essen zu uns nach Hause. Ich selbst habe bei dieser Gelegenheit nicht gefilmt. Ich werde zu meinen Erfahrungen als Nicht-Sehende befragt und berichte, dass es mir gut geht und wie ich die Dinge jetzt erlebe.
Obwohl ich in mein Grau starre, male ich mir im Verlauf des Abends das Aussehen meiner Freunde immer konkreter bis in die Details aus. Ein Paar berichtet von seiner Reise nach Indien und ich stelle ihnen viele Fragen zu ihren Erlebnissen. Dankbar ergreift mein Gehirn die Initiative, ein Urlaubsfilmchen von den beiden zu produzieren, frei nach ihren Erzählungen. Als ob es sich mit dem Nicht-Sehen nicht abfinden wolle.
Und auch hier habe ich am nächsten Morgen beim Nachdenken eine visuelle Erinnerung an einen nicht-gesehenen Abend, eine visuelle Vorstellungs-Animation sozusagen. Sind das jetzt Erinnerungen oder Vorstellungen, die vor meinem geistigen Auge ablaufen? Natürlich mache ich mir auch Vorstellungen von solchen Reise-Erzählungen, wenn ich sehe, aber ich nehme sie dann bei weitem nicht so deutlich wahr.

Diese visuellen Erinnerungen und Vorstellungen erlebe ich sehr zwiespältig. Einerseits helfen sie mir in etlichen Situationen bei der Bewältigung und Organisation meines Alltags zuhause. Zum Beispiel finde ich mich problemlos in meiner Wohnung zurecht. Dort verlasse ich mich viel mehr auf meine Erinnerung, da wegen unseres Teppichbodens alle Geräusche gedämpft sind. Oder beim Kochen: Meine klaren Vorstellungen von Zwiebeln, Rosenkohl, Tomaten usw. und der Anordnung unserer Zutaten und Küchenutensilien machen es mir leicht mit dem Zubereiten der Speisen. Ich kann sie auch ohne Probleme essen, ein Glas gerade oder meine Kamera im Lot halten.
Extrem hinderlich sind meine Erinnerungen und Vorstellungen bei der Orientierung im Raum. Es ist mir nicht möglich, einer Vorstellung nachzugehen und mich gleichzeitig auf Raumwahrnehmung und Orientierung zu konzentrieren. Es gibt nur entweder oder: die Erinnerung an einen Ort erlebe ich wie ein visuelles Vorurteil, aus dem ich voreilige Schlüsse ziehe. Die Bilder passen nicht zu meinen aktuellen Wahrnehmungen und sind ungeeignet, mir die richtigen Handlungsimpulse zu vermitteln.
Ich versuche die Bilder auszutricksen, in dem ich bewusst Orte aufsuche, die ich noch nicht kenne, so dass mir keine Erinnerungsbilder zur Verfügung stehen. Aber auch hier bietet mir meine Erinnerung in den ersten Wochen Bilder an, die zu den akustisch-motorisch-haptischen Wahrnehmungen passen und ich speichere einen Erinnerungsfilm ab.

Soundglocke

Die wichtigste Grenze, an der sich meine neue Raumwahrnehmung abspielt, ist meine Haut in direktem Zusammenhang mit meinen Ohren. Vom ersten Tag an ist klar, dass mein Gesicht und meine Ohren trotz der kalten Witterung frei bleiben müssen. So laufe ich immer ohne Mütze. Auf meiner Stirn und an den Schläfen, spielen sich Hautempfindungen ab, die für mich wichtige Wahrnehmungen vermitteln. Meine Ohren sind meine wichtigste Orientierungshilfe. Die ersten bewussten Erlebnisse mit meinem Fernsinn sammele ich bei Spaziergängen.

Blindversuch vierter Tag: Frische Eindrücke von einem Spaziergang draußen bei Schnee
Es war sehr kalt, aber schönes Wetter. Ich sehe immer noch ein bisschen Helldunkel. Es war warm in der Sonne und kalt im Schatten. Zu meiner Orientierung: Wir sind im Hof beim Atelier losgegangen. Von dort bin ich relativ selbstständig auf dem Gelände nach vorne zum Tor gelaufen und dann auch weiter in Richtung Friedhof zur kleinen Kapelle der Klarissen. Till meinte, ich wäre schon mutiger unterwegs. Heute habe ich so ein merkwürdiges Gefühl: Ich laufe und laufe ins Blinde und trotzdem orientiere ich mich irgendwie. Ich dachte eigentlich, ich richte mich nach meiner Erinnerung, weil ich den Ort kenne, aber so ist es nicht. Es ist eher vage und unbestimmt: ein Gefühl, hier muss ich mich jetzt nach links wenden und jetzt geradeaus halten, ja, und jetzt wieder links.
Orientierung scheint plötzlich etwas, das geschieht, das nicht meiner bewussten Steuerung unterliegt. Vielleicht ist das so wie schwanger sein: Man merkt, das geht irgendwie, aber man macht das ja nicht selber. Es ist so fremd, sich dem anzuvertrauen. Ich glaube ich könnte noch viel besser und schneller laufen, wenn ich mich diesem unbekannten Etwas anvertrauen würde. […]

Was hat sich denn verändert? Ich merke, dass ich eine bessere akustische Aufmerksamkeit habe, was dazu führt, dass ich mich konkreter im Raum einbette. Ich bin nicht mehr so ausschnitthaft nach vorne ausgerichtet, wie bei der visuellen Wahrnehmung, je nachdem wo ich hinschaue, sondern es ist eher so, dass ich als Gesamteindruck einen Kugeleindruck habe. Aber das hängt natürlich auch mit der räumlichen Situation zusammen, in der ich mich gerade befinde. Ich stelle es mir vor wie eine Soundglocke. […]

Es hat auch viel mit meiner Aufmerksamkeit zu tun: Sobald ich mit jemandem spreche oder meine Gedanken schweifen lasse, gerate ich in Verwirrung und weiß nicht mehr genau, wie ich orientiert bin. Drei Tage viel Schlaf haben meine Aufmerksamkeit deutlich erhöht.
Beim Spaziergang habe ich meistens gemerkt, ob ich vor einer Wand entlang laufe oder ob sich da eine Einfahrt öffnet. Das konnte ich an den Strömungsverhältnissen oder Temperatur- und Schalländerungen merken. Ich finde die Orientierung im Außenraum wesentlich leichter, mit allen Geräuschen, die es dort gibt, als zuhause in der Wohnung, wo alles gedämpft ist durch den Teppichboden.

Lichtblitze

Durch das Nicht-Sehen hat sich die Lichtempfindlichkeit meiner Augen stark hochreguliert. Dadurch habe ich einige lustige Entdeckungen machen können. Ich habe in unserer Wohnung das Schlafzimmer und in meinem Atelier ein Arbeitszimmer komplett verdunkelt, so dass ich an beiden Orten einen Raum habe, in dem ich mich ohne Pflaster und ohne Brille aufhalten kann. Das tut meinen Augen gut.
Beim Zeichnen im Atelier fixiere ich das Papier mit Klebeband auf meiner Tischplatte. Beherzt reiße ich große Stücke ab und stutze: Ich sehe Licht! „Wie? Das kann doch nicht sein.“ Ich reiße wieder: „Doch, ja! Da ist Licht!“ An der Stelle, wo ich abreiße, entsteht ein Lichtblitz, kurz, aber deutlich sichtbar. Auch zuhause im Schlafzimmer blitzt es: Beim Abstreifen wolliger und synthetischer Kleidung sprühen nur so die Funken!
Licht erscheint an unerwarteten Stellen, wo man es gar nicht vermutet! Dass muss ich Till zeigen, denke ich. Als er mich später abholt, gehen wir in mein abgedunkeltes Zimmer und warten eine Weile, damit sich auch Tills Augen an die Dunkelheit gewöhnen können. Und dann reiße ich und reiße, aber Till kann es nicht sehen, obwohl ich den Lichtblitz jedes Mal aufs Neue wahrnehme. Wir warten noch länger, aber es ist nichts zu machen, Till bleiben die geheimen Lichtimpulse verborgen.

Veränderte Sinneswahrnehmungen

Zu Beginn meiner Zeit des Nicht-Sehens mache ich sprunghaft Fortschritte in meiner akustischen und olfaktorischen Wahrnehmung. Auch mein Geschmackssinn verfeinert sich stark, was manchmal zu Meinungsverschiedenheiten mit meinen Mann beim Würzen von Speisen führt. Die Entwicklung stagniert in der zweiten Woche, bis sie sich in der dritten Woche, die leider durch eine Grippe verkürzt wird, nochmals sprunghaft nach vorne entwickelt.

Als charakteristisch für die nicht-sehende Raumwahrnehmung erlebe ich die konkrete Einbettung zwischen Ferne und körperlicher Nähe. Die Gleichzeitigkeit von akustischen Ferneindrücken und subtilen, sehr leiblichen Wahrnehmungen auf meiner Hautoberfläche faszinieren mich vollkommen und führen zu einer sehr körperlichen Raumerfahrung, die ich während des Blindversuchs kultiviert habe.

Meine Ohren hören 360° in alle Richtungen. Seitdem ich nicht mehr sehe, befinde ich mich im Zentrum einer großen Soundglocke, die sich meinen Bewegungen anpasst und deren akustische Atmosphäre sich mit dem Verlauf der örtlichen Gegebenheiten wandelt. Diese akustische Atmosphäre hat mir ein Gefühl der räumlichen Weite vermittelt. Häuser, Bäume oder Autos nehme ich als „Einbuchtungen“ darin wahr. Türen, Einfahrten und Straßenmündungen waren wiederum Öffnungen in diesen „Einbuchtungen.“ Diese Einengungen und Ausweitungen im Außenraum empfinde ich sehr leiblich, denn ein Teil meiner Wahrnehmungen spielt sich unmittelbar auf meiner Körperoberfläche ab.
Mein Gesicht ist dabei die wichtigste Kontaktzone. Ich frage mich, wie ich den Blindversuch im Sommer erleben würde! Bei warmen Temperaturen und mit leichter Bekleidung würde ich womöglich wesentlich schneller umfangreichere Veränderungen meiner Wahrnehmung spüren. Diese Simultanität von Weite und körperlicher Nähe hat mich sehr berührt. Das will ich unbedingt beibehalten, wenn ich sehe. Ich bin mit meiner Umgebung auf eine direkte Art in viel engerem Kontakt.
Vielleicht kann ich es mit einem Vergleich formulieren: Wenn ich schwimme, dann spüre ich überall um mich herum das Wasser, die Bewegungen des Wassers und auch Hindernisse, zum Beispiel durch den Strömungswiderstand. Dadurch nehme ich andere Volumina im Wasser wahr und ob und in welche Richtung sie sich bewegen. In der Zeit des Nicht-Sehens ist der Raum für mich ein bisschen wie das Wasser geworden: Die „Leere“ im Raum, das Dazwischen hat für mich durch die starke Sensibilisierung von Gehör, Haut und Tastsinn eine subtile, materielle Konsistenz bekommen.
Es ist ein Unterschied, ob ich an einer gemauerten Wand, einem Baum, einem Menschen, einem Auto oder einer Glasfassade vorbeigehe. Ich weiß, alles reflektiert oder absorbiert Schall in unterschiedlichem Maße und hat eine unterschiedliche Dichte. Trotzdem kann ich nicht genau sagen, woran ich festmache, dass es das eine oder das andere ist. Es ist so subtil, dass ich es mir selber nicht erklären kann.
Ich weiß nur, dass es einen Unterschied ausmacht, ob ich mich im offenen oder geschlossen Gelände bewege, ob ich draußen oder drinnen bin, wie das Wetter ist, z.B. ob es regnet und ob es windig ist, ob ich ausgeschlafen und konzentriert bin oder nicht, ob ich krank oder gesund bin und in welcher Gemütsverfassung ich mich befinde.

Ich erinnere mich an einen Samstagnachmittag, an dem ich mit meinem Mann am Rhein spazieren gehe. Wir gehen auf dem Fußweg unter der Allee bei den Poller Rhein-Wiesen. Dort will ich mich im Erkennen von Bäumen üben. Es ist sehr windig heute und es liegt ein unerträglicher Gestank nach brennendem Gummi in der Luft, der uns vom Schrottplatz entgegen weht. Die Poller Wiesen stehen unter Wasser. Die Gänse und die Möwen sind ganz nah zu hören, sobald der Wind vom Wasser herweht.
Ich laufe und immer wenn ich einen Baum wahrnehme, will ich stehen bleiben. Ich kann kaum etwas spüren. Der Gestank und der Wind lenken mich sehr ab. Meine Trefferquote ist enttäuschend. Dabei sind die Bäume doch „große Kaliber.“ Wie kann das sein? Ich bin doch sonst in der Lage differenziert zu spüren! Ich will nicht aufgeben.
Meinem Mann wird es auf die Dauer langweilig, er hat eine andere Idee: Ich soll ihn aufspüren. Er „versteckt“ sich irgendwo vor mir auf dem Weg in Laufrichtung und ich soll zu ihm finden und direkt vor ihm stehen bleiben. Ja, ein Spiel, eine gute Idee! Er verschwindet leise außer Hörweite. Nach einer Weile gehe ich los. Ich schreite den Weg ab von rechts nach links und zurück immer nach vorne weiter. Ah, da ist er! Das war ja leicht!
Ein neuer Versuch: Auch diesmal finde ich ihn ohne Probleme und ziemlich schnell. Ich kann gar nicht genau sagen, woran ich ihn bemerke. Er ist wie eine vage wärmere Präsenz, vielleicht eine Unterbrechung im Wind? Ermutigt von den beiden Treffern spielen wir weiter. -Ich spüre ihn jedes Mal sicher und zielstrebig auf, egal wie und wo er sich versteckt.
„Sag mal, Du schummelst doch!“, ruft er erbost. „Das kann doch gar nicht sein! Hast Du Deine Pflaster auch richtig festgeklebt?“ „Ja“, sage ich, „alles dicht. Ich kann Dich nicht sehen.“ Er kontrolliert es, glaubt mir und wir spielen noch eine Runde. Bingo! Das ist toll!
Ich bin begeistert von meinen neuen Fähigkeiten und frage mich, ob und wie ich sie erhalten kann, wenn ich wieder sehe. Meine Raumerlebnisse sind so intensiv, dass ich mir wünsche beides zu leben: den konkreten räumlichen Kontakt in der Weite des Raumes mit sehenden Augen. Was für ein Leben!
Die beständige extreme Konzentration, in der ich mich befinde, führt zu einer sehr gegenwärtigen Lebensweise. Ich bin unheimlich fokussiert auf das, was ich gerade tue. Andere meditieren für solche Erfahrungen, als Nicht-Sehende kann ich gar nicht anders. Anders wäre es gefährlich.

Die Grotte

Eines meiner schönsten Raumerlebnisse führt mich in eine völlig andere Realität. Am fünften Tag des Blindversuchs holt mich Till vom Atelier ab und fährt mit mir zum Spazierengehen an einen mir nicht bekannten Ort. Ich habe beschlossen, dass er mir nie sagt, wohin es geht, damit ich unvoreingenommen durch meine Erinnerungen bleibe.
Vom Parkplatz aus geht es über einen matschigen Weg an den Rhein. Ich höre sofort, dass wir am Fluss sind, er fließt links von mir. Es ist reger Schiffsverkehr und aus dem Licht, das ich durch meine Pflaster und Sonnenbrille noch wahrnehmen kann, schließe ich auf eine sonnige Abendstimmung.
Ich bleibe einen Augenblick stehen und lausche. Wie laut der Schiffsverkehr ist! Heute muss unheimlicher Trubel auf dem Rhein sein. Ich mache ein paar Aufnahmen mit der Kamera. Wo sind wir?
Die Soundglocke über mir ist weitläufig und alle Geräusche sind glasklar zu hören. Welchen Lärm die Vögel machen! Unglaublich laut sind sie: Die Kölner Alexander-Sittiche liefern sich ein Duell mit Möwen und Elstern.
Ich bin völlig fasziniert von der Intensität dessen, was ich höre. Ich bin extrem fokussiert und genieße aufmerksam die klare räumliche Präsenz um mich herum. Nach einer Weile – ich kann mich kaum losreißen – gehen wir weiter. Ich orientiere mich am Fluss und laufe parallel, neben mir ist eine niedrige Mauer.
Auf einmal ändert sich die Tonkulisse. Was ist das? Ich kann es nicht einordnen. Ich höre den Rhein plötzlich vor mir. Die Soundglocke wird eingedrückt, ich laufe in etwas hinein. Es wird dunkel vor meinen Pflastern. Was ist das? Ein Tunnel? Nein, links von mir bleibt es offen. Da zieht es her, aber auch parallel zum Fluss strömt die Luft. Wo bin ich hier?
Ich erlebe eine wundervolle Grotte, in der sich die Musik des Flusses sammelt. Der Rhein ist auf einmal von allen Seiten zu hören und ich denke, ich müsste mitten drin stehen. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Grotte mit dunklen, zerklüfteten, bogenförmigen, steinigen Wänden, geglättet von der Feuchtigkeit, die in den Jahrhunderten hinab geflossen ist, Pfützen auf dem Boden.
Der Rhein fließt direkt davor in gleicher Höhe. Bei Hochwasser ist die Grotte wahrscheinlich geflutet. Ich bin überwältigt und umhüllt von dieser wundervollen Tonkulisse und möchte gar nicht weiter. „Wo hast Du mich hingeführt Till? Hier war ich noch nie. Wo gibt es eine Höhle direkt am Rheinufer?“ Solange sind wir doch gar nicht hergefahren… Till amüsiert sich und schießt viele Fotos. Auch ich mache einige Aufnahmen, um die Grotte festzuhalten.
Wir laufen schließlich weiter, ich höre Passanten, die es eilig haben, und so plötzlich wie ich in der Grotte war, so plötzlich bin ich wieder draußen. Der Raum öffnet sich weit nach oben und vorn, der Rhein ist wieder links von mir und die Vögel sind noch lauter. Nach einer Weile Pfützenslalom auf asphaltierten Wegen, dämmert es mir: „Könnten wir im Rheinpark sein?“ Till bejaht und jetzt bin ich erst recht verwirrt. Auch wenn ich etliche Jahre nicht hier gewesen bin: Wo ist bloß diese Grotte? Davon wusste ich gar nichts.
Die Tanzbrunnenterrasse, sagt Till. Echt? Ich kann es kaum fassen und es gelingt mir nicht, mein wundervolles Raumerlebnis mit der klaren 50er-Jahre-Architektur der Terrasse in Einklang zu bringen.

Der Kölner Dom

Bei einem anderen schönen Erlebnis bleibt meine Wahrnehmung im Einklang mit den örtlichen Begebenheiten.
Am zehnten Tag des Blindversuchs regnet es den ganzen Tag. Ich gehe mit Till zu Fuß in die Stadt, um einige Besorgungen zu erledigen. In der linken Hand trage ich meinen Regenschirm, in der rechten Hand den Stock. Ich bin schon viel sicherer und zielstrebig unterwegs. Allerdings muss ich mich heute noch mehr konzentrieren als sonst, da es unter dem Schirm schwieriger ist, den Fernsinn zu spüren.
Nachdem wir im Museum Ludwig einen Kaffee genommen haben, um uns aufzuwärmen, will ich zum Dom. Diesen beeindruckenden Ort möchte ich unbedingt einmal erleben, ohne dabei von der kraftvollen Architektur visuell abgelenkt zu sein.
Es regnet noch immer. Ich laufe mit dem Schirm über die Domplatte, den Dom rechts von mir. Es ist sehr windig, die Feuchtigkeit ist überall. Till hat mich auf die richtige Spur gebracht: „Jetzt immer gerade aus.“
Ich versuche, meine Richtung zu halten. Nach einer Weile, die mir sehr lang vor kommt, erfasst mich eine Böe: Hier geht es bestimmt zum Hauptportal nach rechts, denke ich. „Was für ein Wind, der Schirm bringt überhaupt nichts.“ Till ist wieder bei mir und spurt mich neu ein. Ich kämpfe mit dem Schirm; endlich habe ich den Knirps zusammen geschoben.
Sobald wir durch den Windfang gegangen sind, überfällt mich der Raum mit einer unvermuteten Wucht. Wow! Ein riesiges, massiges und sehr hohes Volumen stülpt sich über mich und die Feuchtigkeit des Raumes legt sich wie ein Mantel um mich herum. Hinter meinen Pflastern ist es dunkler geworden und ich muss mich extrem konzentrieren. Till ist nah bei mir, ich hake mich unter, um dem dichten Gewühl am Eingang zu entkommen. Viele flüchten sich vor dem Regen hierher, wie es scheint.
Mir kommt es vor, als kämen mir die massigen Pfeiler der Kathedrale, die wir passieren, förmlich entgegen. Ich kann fühlen, wie sie nach oben streben, ohne dass ich erklären kann, weshalb. Fühle ich das wirklich oder bilde ich mir das ein, weil ich es weiß? Der Eindruck wiederholt sich bei den anderen Pfeilern, an denen wir stehen bleiben.
Wir lassen uns forttreiben im Strom der Stimmen und Menschen. Es ist wie in einem Fluss mit Hindernissen. Der Dom hat einen fantastischen Klang und ist ausgefüllt mit den Stimmen und Schritten der Menschen. Es ist verwirrend und klar zugleich Die Schönheit dieser Wahrnehmung fasziniert mich vollkommen. […]

Mein Gehör ist gerichtet auf das, was ich sehe, weil dort meine Aufmerksamkeit ist. Mein Blick bahnt meine anderen Sinne, ordnet sie sich unter: Sie bleiben unter der Bewussteinsschwelle. Es ist für mich nicht notwendig, eine Wand zu fühlen, weil ich sie sehe und ihr damit ausweichen kann. Deswegen muss ich sie auch nicht hören. Durch einen Blick weiß ich Bescheid über Oberflächenbeschaffenheit, Material, Kontext, Entfernung und Orientierung.
Mein Gehirn funktioniert pragmatisch: Durch Sehen komme ich am schnellsten zum Ziel. Inputs von meinen anderen Sinnesorganen treten nur über meine Bewusstseinsschwelle, wenn sie handlungsrelevant werden oder wenn ich meine Aufmerksamkeit intentional darauf richte.
Das Bild ist eine mächtige Kraft und ich bin ein visueller Mensch, durch und durch, nicht nur als Künstlerin. Ich denke daran, wie ich mich in Vorträgen immer so platziere, dass ich den Referenten sehen kann, weil ich dann aufmerksamer zuhöre. Oder die Texte meiner Bücher bunt markiere, wenn ich mir etwas merken möchte. Oder zeichne, wenn ich etwas besonders liebe.

Die Gesichter in der Vorstellung

Wie ist es, wenn ich jemanden neu kennen lerne? Zunächst stelle ich mir nichts vor. Ich spreche in ein graues Nichts und bin ganz auf die Stimme meiner Gesprächspartner konzentriert. Ich höre feinste Nuancen und Stimmungen. Mit der zunehmenden Dauer der Begegnung formen sich allmählich Vorstellungsbilder heraus, ich male mir die Menschen dann typenhaft aus. Es scheint mir wie beim Lesen eines Romans zu sein: Mit dem Fortgang der Geschichte werden die Bilder in der eigenen Fantasie immer mehr mit Leben gefüllt. Im Nachhinein habe ich einige Überraschungen erlebt, die sich aus der unglaublichen Diskrepanz zwischen meinen Vorstellungen von Menschen und ihrem tatsächlichen Erscheinungsbild ergeben haben. Ich frage mich, an was mache ich es fest, dass ich sie mir so und nicht anders vorgestellt habe? Aus welchen Informationen reimt sich mein Gehirn dieses Bild zusammen? Und warum passt es manchmal erstaunlich gut und manchmal überhaupt nicht? […]

Die Bilder entfernen sich

Mit dem Verlauf der zweiten Woche stellt sich eine Veränderung ein: Die Bilder verschwinden allmählich. In meinem Kopf wird es langsam grau und es beginnt, dass ich in ein visuelles Nichts laufe. Ich erlebe ein allmähliches Abdriften in den bilderlosen Raum. Graue Schemen anstelle von klaren Vorstellungen, bis auch die Schemen verschwinden. Je weiter sich die Bilder von mir entfernen, desto deutlicher spüre ich den Raum und desto klarer wird meine nicht-visuelle Orientierung. Am Ende ist es so, dass ich beim Laufen und anderen konzentrierten Aktivitäten keinerlei Bildvorstellungen mehr habe; erst wenn ich still sitze und entspanne schieben sie sich im Nachhinein unter meine Erlebnisse. Ich würde gerne wissen, wie es ist, bilderlose Vorstellungen zu entwickeln.
Ich frage mich, wie meine technische visuelle Erinnerung überhaupt mit dem korrespondiert, was ich erlebt habe. Ich bin zunehmend gespannt, wie sich die tatsächlichen Erinnerungen an die Situation mit meinen aufgezeichneten Bildern in Einklang bringen lassen. Ob das überhaupt miteinander zu tun hat, oder ob das zwei völlig verschiedene Sachen sind.

Was macht eine Künstlerin im Atelier, wenn sie nichts mehr sieht?

Um das herauszufinden, fahre ich in den ersten anderthalb Wochen jeden Morgen ins Atelier. Dort habe ich eine Kamera installiert, die Einzelbilder über die gesamte Dauer des Blindversuchs aufnimmt. Sie soll eine visuelle Antwort liefern, aus einer definierten Beobachterperspektive heraus. Im Vorfeld habe ich einige Ideen entwickelt, an deren Umsetzung ich vor allem in der ersten Woche arbeite.
Till und Mathias, ein Kameramann, helfen mir anfangs bei der Umsetzung: Sie richten die Kameras ein und Till bringt mich in die Ausgangsposition, bevor er wieder fährt. Ich drehe ein Video mit meiner Handkamera, Feeling My Studio: Ich filme, wie ich mich durch mein Atelier taste, die Kamera auf das gerichtet, was ich vor Händen habe. Ich merke, dass es schwierig ist, mich gleichzeitig auf das Führen der Kamera und das Tasten in meinem Atelier zu konzentrieren.
Ich merke auch, dass mich das Hören mehr interessiert als das Tasten. Bald fange ich an, meine akustische Wahrnehmung zu erproben und langsam in den Räumen herumzulaufen, dabei mache ich laute Geräusche mit den Absätzen meiner Schuhe und mit meinem Stock. Ich wende die Tricks an, die mir Herr Graff [ein Blinder, der mich vor Beginn des Versuches unterwiesen hatte] während der Einarbeitung mit dem Stock beigebracht hat, und sie funktionieren wunderbar.
Ich höre mir selber beim Laufen zu und erlerne die akustische Orientierung mit selbst geschaffenen Geräuschen. Ich höre wie sich der Ton entwickelt, wenn ich mitten im Raum bin, wenn ich zu einer Wand laufe, wenn ich vor einer Tür bin oder vor einem Fenster. Schwierigkeiten habe ich mit Gegenständen unterhalb der Gürtellinie, wie meinem Tisch. Ich laufe oft dagegen, weil ich erst im allerletzten Moment höre, wie der Schall unter dem Tisch verschwindet.
Dieses akustische Training und meine guten Fortschritte motivieren mich sehr. Den Stock kann ich im Atelier bald weglassen und meine Bewegungen werden schneller.
Ich verändere das Thema meines Videos und drehe: Listen to My Studio mit einer fest aufgestellten Kamera und meiner Handkamera, die immer im Automatikmodus läuft. Meine Videos entstehen infolge motorisch-akustisch-haptischer Eindrücke und situativer Reflexionen.
Ich höre den differenzierten Klang auf meinen Atelierfenstern, als ich mit den Fingern darauf klopfe. Window Composition entsteht. Ich entwickle ein intensives Verhältnis zur Drehung im Raum. Ich trommele stundenlang auf meiner Holzkiste im Atelier. Beim Trommeln verbinden sich motorische, haptische und akustische Wahrnehmungen und verdichten sich. Trommeln ist für mich ein plastischer Vorgang.

Über meine motorisch-akustischen Aktivitäten vernachlässige ich bald andere Dinge, die ich zunächst ausprobiere, wie zum Beispiel blind zu zeichnen, oder mit Holzstücken in meiner Sandkiste dreidimensionale Arrangements bilden.
Meine wahre Lust beim Zeichnen ist jedoch die Freude am Sehen und visuellen Gestalten. Ohne die visuelle Rückkopplung verliere ich das Interesse daran. Überhaupt verliere ich im Verlauf des Blindversuchs immer mehr den Bezug zu den Bildern, dafür stabilisiert sich mein nicht-visuelles Raumgefühl.
Blind zu zeichnen bewirkt spezifische Phänomene. Jedes Absetzen und Wiederaufsetzen der Hand erzeugt gewissermaßen eine neue Bildebene, die zu den früheren Elementen verschoben ist, da das Auge als Koordinator von Hand und Bild ausfällt.

Die schönsten Erlebnisse habe ich draußen, weswegen ich am Nachmittag und am Wochenende lange Spaziergänge in Begleitung unternehme. Diese Spaziergänge dehnen sich immer weiter aus und wir besuchen sehr unterschiedliche Orte, meine Begleiter überraschen mich immer wieder aufs Neue mit anregenden Orten. Das Atelier als Ort des Geschehens tritt in den Hintergrund. Neben meinen motorisch-akustischen Versuchen treffe ich dort Freunde und diktiere in meinem abgedunkelten Zimmer meine Aufzeichnungen.
Am vorletzten Tag findet noch ein Happening statt: das Blinddate. Ich koche blind für einige Freunde ein farblich abgestimmtes Menü, das keiner der Gäste sehen kann, sondern das nur auf den Videos und Fotos zu sehen sein wird, die währenddessen aufgenommen werden.
Am Ende kann ich die Frage „Was mache ich im Atelier, wenn ich nicht mehr sehe?“ eindeutig beantworten mit: Laufen, Lärm und diktieren!

Augen und Bewegung

Anfangs denke ich, ich müsste die Augen geschlossen halten, um eine bessere Sehdeprivation zu erreichen. Schließlich ist es unter meinen Pflastern trotz Sonnenbrille nicht ganz dunkel. Daher schließe ich zunächst die Augen, wenn ich merke dass sie geöffnet sind. Aber das ist mir unangenehm. Mein Gesicht ist dann noch steifer.
Eine Nebenerscheinung meines Blindversuchs ist, dass meine Gesichtsmimik reduzierter ist. Ich merke es selber, bekomme es aber auch von meinem Umfeld zurückgemeldet. Ich komme mir vor wie ein Parkinson-Patient im Anfangsstadium.
Sobald ich aufmerksam bin, beim Bewegen im Raum, beim konzentrierten Arbeiten, habe ich die Augen weit aufgerissen und starre hinter meine Pflaster ins Graue. Ich kann mich dann viel besser konzentrieren.
Schließe ich die Augen, ist die Konzentration sofort gestört und ich komme aus dem Gleichgewicht. Sofort, egal, was ich tue: Ich fange an zu schwanken, – obwohl sich mein Gleichgewicht beim Nicht-Sehen auf akustisch-haptische Wahrnehmungen eingestellt hat. Es scheint eine direkte Rückkopplung zwischen Gleichgewichtsorgan, Motorik und Augen zu geben. Sobald ich mich bewege, öffne ich sie unwillkürlich. Ich kämpfe nicht länger dagegen an. Mein natürlicher Wachzustand verlangt mich offenen Auges.
Nicht nur Konzentration, auch emotionale Befindlichkeiten wirken sich direkt auf meine Augen aus. Ich denke an meine blinden Bekannten und weiß, wie sich ihre Augen bewegen, wenn sie mir lebhaft von einem aufregenden Erlebnis erzählen.
 

Entblindung

Die Entblindung fand am 26. Februar 2007 in Frankfurt statt, im Rahmen der Magnetresonanztomographie-Untersuchungen, die das Max-Planck-Institut für Hirnforschung zur wissenschaftlichen Auswertung meines Blindversuchs durchführte.
Ich betrete eine kleine Umkleidekammer, es ist der dunkelste Raum, den sie hier haben. Hier werde ich also gleich meine Augenpflaster abnehmen und mich ganz langsam ans Sehen gewöhnen. Meine Schwester ist mit hereingekommen, falls ich ohnmächtig werde. Es fällt nur durch den Türspalt Licht von draußen herein.
Wie hell es ist! Ich kann Eva bis in alle Einzelheiten sehen, jedes Hautfältchen, jedes Haar. Eine kuriose Situation, denn sie sieht im Augenblick noch gar nichts.
Ich weiß um die Vorsicht, die ich jetzt haben muss. Ein schneller, direkter Kontakt mit zuviel Licht kann meine Sehzellen, die jetzt noch ganz ausgefahren sind, irreparabel schädigen. Obwohl es draußen alle eilig haben, lasse ich mir die Zeit, die ich brauche. Es geht schließlich um meine Augen. An der zeitlichen Fehlplanung, die hier herrscht, bin ich völlig unbeteiligt.

Nach einer Weile höre ich die Versuchsleiterin kommen. Bei ihr fühle ich mich in guten Händen. Sie weiß genau, was sie tut und gestaltet mit ihrer warmen herzlichen Art die Fahrten nach Frankfurt für mich sehr angenehm.
Ich setze meine Sonnenbrille wieder auf und kneife meine Augen zusammen, bevor ich entschlossen auf den Gang trete, Eva an meiner Seite. Ich schwanke ziemlich stark. So muss es sein, wenn man drei Wochen auf See war und dann wieder festen Boden unter den Füßen hat.
Hui, ich muss mich abstützen. Ich sehe wieder und das erste, was mir auffällt: Mein Raumgefühl ist sofort weg. Das gibt’s doch nicht! Von jetzt auf gleich, nicht mal eine Übergangsphase. Ich bin wieder an Land. Ich bin traurig darüber, denn von meinem Wunsch, beides zu haben, den präsenten Raumeindruck und das Sehen, davon muss ich mich wohl verabschieden.

Das Sehen dominiert über das Raumgefühl und die Akustik. So erlebe ich das. Ich bin mit sehr kurzer Übergangszeit wieder voll und ganz in die Visualität eingestiegen.
Die Augentests am MPI bestätigen: Meine Augen haben keinen Schaden genommen. Eine kleine Konvergenzschwäche gleicht sich mit dem Sehen wieder aus. Das ist gut zu wissen, denn ich hänge sehr an meinen Augen, auch wenn ich jetzt gerade noch der Vitalität des Raumes nachtrauere. Sie bleiben mein bevorzugter Sinn und mein wichtigstes künstlerisches Werkzeug, auch wenn ich ihnen in Zukunft das Primat von Zeit zu Zeit entziehen werde.
Wer sieht, ist nicht grundsätzlich daran gehindert, den Raum zu spüren, weil jeder alle Wahrnehmungsinstrumente hat, die man dafür braucht! Nur sind die Instrumente nicht geschärft und vielleicht ist das genau der Preis: Will ich das eine haben, muss ich dafür das andere aufgeben?

Retrograde Transformation der Erinnerung

Mir ist heute Abend bewusst geworden, dass ich verwirrt bin. Ich bin in einer paradoxen Situation gelandet: Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, von Bildmaterial erschlagen zu werden, auf der andern Seite kommt es mir so vor, als hätte ich leere Hände.
Ich merke, dass ich mit dem Material, dass ich aufgenommen habe, nicht wirklich meine persönlichen Erinnerungen verbinde. Dass es auf der einen Seite zwar meine Neugier erweckt, gerade auch das, was ich selbst aufgenommen habe, aber auf der anderen Seite eine große Entfremdung dazu da ist.
Es ist wie eine Geschichte, die ich so nicht erlebt habe, die mir aber mit vielen Bildern erzählt wird.
Es scheint mir, dass die technischen Bilder meine anderen Erinnerungen auslöschen, sie überschreiben. Ich sehe jetzt diese Filme und sie verbinden sich mit meinen Erinnerungen, die ich an diese Situationen habe, aber sie nehmen sie mir auch weg. Und das ärgert mich, weil mein Erlebnis mir selbst dadurch entfremdet wird.
Es ist nicht so, dass ich mit den Dingen, die ich dort sehe, nichts anfangen könnte, aber wenn ich genau hinspüre, dann sind die Bilder jetzt in der Übermacht gegenüber den Dingen, die in diesen drei Wochen für mich wichtig waren: dem Hören und Spüren, Riechen und Schmecken.
Mir ist bewusst, dass die präsentesten, stärksten und schönsten Erinnerungen aus der Zeit des Blindversuchs tatsächlich jene sind, von denen es kein Bildmaterial gibt: der Dom, der Besuch von Sankt Aposteln, das Betasten der Madonna [die ich während eines meiner Ausflüge berührte] und der Ausflug in die Flora.
Ich erinnere mich noch genau, wie sich die verschiedenen Bodenbeschaffenheiten dort angefühlt haben, wie ich durch die Feuchtigkeit des Regens intensiv alle Gerüche wahrnehme, und wie ich die Dunkelheit richtig spüren konnte auf der Haut, weil sie abends schwerer ist, die Luft. Wenn ich daran denke, dann ist es grau. Ich erinnere mich, dass ich den Schirm halte, und an diesen starken Geruch von Tanne,… das hat so würzig und gut gerochen,… wunderbar.
Ich traue meiner Erinnerung nicht mehr. Wo liegt die Grenze zwischen Erinnerung und Fantasie? Ich denke an Max Frisch und seinen Ich-Erzähler, der Identitäten anprobiert wie Kleider und sich immer neu erfindet. Ist nicht die eigene Erinnerung nur eine mögliche Geschichte von vielen? Eine Version, die ich mir zurecht lege und für mein Leben halte? Wenn sich mein Gehirn mit Vorliebe Erinnerungen fabuliert und nun auch meine technischen Bilder als erlebt integriert, kann ich, muss ich dann nicht eine völlig andere Geschichte erzählen?

ENDE

Quelle

Den vollständigen Bericht von Marietta Schwarz inklusive einiger Abbildungen ihrer während des Experiments entstandenen künstlerischen Arbeiten gibt es auf Archimaera.de als PDF. Die obige Version wurde von mir ein wenig gekürzt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s