Warum haben Menschen Angst im Dunkeln?

Über eine mächtige Urangst, unsichtbare Monster, kindliche Entwicklungsphasen, vorübergehende Blindheit und ein peinliches Gefühl:

Du bist nachts allein, sitzt gemütlich auf der Couch, schaust einen Film. Draußen stürmt es. Regentropfen prasseln gegen das Fenster. Im Zimmer ist es hell. Du fühlst dich sicher.

Plötzlich ein lautes Zischen. Fernseher und Licht gehen aus. Der Strom ist weg. Es herrscht absolute Finsternis. Du siehst nichts mehr. Ein unangenehmes Gefühl breitet sich in dir aus.

Auch wenn es nur die Wenigsten zugeben: Nicht nur Kinder fürchten sich vor der Dunkelheit, auch viele Erwachsene fühlen sich noch immer unbehaglich, wenn sie in den dunklen Keller gehen. Es ist verständlich, Angst zu haben, wenn man nachts zu Fuß in einem Stadtteil mit hoher Verbrechensrate oder alleine im unbeleuchteten Park unterwegs ist. Aber in der eigenen Wohnung sollte man sich doch eigentlich sicher fühlen können, auch ohne Licht, oder?

Alle kennen dieses Gefühl zwischen Beklemmung und Angst, wenn man plötzlich nichts mehr sieht. In der Dunkelheit fühlen sich Menschen oft unbehaglich, unwohl, angespannt, nervös, mulmig, orientierungslos, unsicher, wehrlos, hilflos, abhängig, ausgeliefert, gefangen, eingesperrt, isoliert, alleine, machtlos, passiv, ohnmächtig, eingeschüchtert, nicht gut.

Wir haben zwar im Laufe unseres Lebens gelernt, dass von der Dunkelheit alleine keine Gefahr ausgeht, aber es gibt immer wieder Situationen, in denen diese Urangst ganz plötzlich wieder hochkommt. Es ist jedoch nicht die Dunkelheit, die beängstigend ist. Es ist die Angst vor dem, was sie verbirgt. Man fürchtet, was man nicht sehen kann. im Dunkeln wird Phantasie zum Nachteil.

Das unsichtbare Monster

Jedes Kind kennt die Angst vor dem dunklen Keller oder einem unheimlichen Wesen unter dem Bett. Auch viele Erwachsene erinnern sich noch daran. In der Kindheit scheinen wir alle ähnliches erlebt zu haben.

Um ihren dritten Geburtstag herum empfinden Kinder Dunkelheit zum ersten Mal als etwas Gefährliches. Ab diesem Alter beeinflusst die sogenannte magische Phase das kindliche Denken zunehmend: Kinder glauben dann an Fabelwesen, Gespenster und Zauberei. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie werden fließend. In dieser Zeit wird das Gefühl der Bedrohung durch Monster oder andere Schreckensgestalten für Kinder absolut real. Und wo könnten sich solche bösen Ungeheuer besser verstecken und auf der Lauer liegen als in der Dunkelheit? Genauso funktionieren auch gute Horrorfilme. Meist sieht man das Monster nicht. Erst die eigene Vorstellungskraft macht das Ganze wirklich gruselig.

Ab dem sechsten Lebensjahr verschwindet diese instinktive Furcht vor unsichtbaren Gefahren in der Nacht allmählich wieder, aber nie ganz und nicht bei allen. Viele wachsen aus ihr nie ganz heraus. In einer britischen Umfrage gaben fast 40 Prozent der Befragten an, dass sie Angst hätten, nachts bei ausgeschaltetem Licht im Haus herumzulaufen. 10 Prozent sagten sogar, dass sie mitten in der Nacht nicht einmal dann aufstehen würden, wenn sie eigentlich aufs Klo müssten. In einer anderen Umfrage kam heraus, dass sich sogar 64 Prozent der Befragten im Dunklen fürchten würden. Und bei einer kanadischen Studie gaben etwa die Hälfte der Teilnehmer, die sich selbst als schlechte Schläfer bezeichneten, zu, Angst im Dunkeln zu haben. Den meisten war nicht bewusst, dass sie in der Dunkelheit eigentlich nur davor Angst haben, nichts sehen zu können. Sie führen ihre nächtlichen Befürchtungen auf etwas anderes zurück, z.B. auf die Bedrohung durch Einbrecher.

Kein Licht. Alles schwarz. Nicht wissen, was vor oder hinter einem liegt. Alleine. Was war das? Die Lampe besser schnell wieder anmachen! Viele verspüren auch als Erwachsene im Dunkeln noch immer ein gewisses Gefühl der Beklemmung. Das ist ihnen meistens peinlich und sie können oder wollen es sich selbst oder anderen gegenüber nicht zugeben. Sie schämen sich dafür, verdrängen es oder wollen es nicht wahrhaben.

Dabei ist dieses ungute Gefühl ganz normal. Das Sehen ist der wichtigste Sinn des Menschen. Die meisten glauben, davon absolut abhängig zu sein. Sie können sich nicht vorstellen, was mit ihren anderen Sinnen, einigen Hilfsmitteln und ein wenig Nachdenken vielleicht alles möglich wäre.

[Anmerkung: Die Zahlen der erwähnten Umfragen stammen aus englischsprachigen Artikeln. Zu 2 der Quellen fand ich leider nur sehr vage Angaben. 1. Go Glow survey with 2000 adults; 2. Benson for Beds with 2000 participants; 3. Are Poor Sleepers Afraid of the Dark? – SAGE Journals]

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