3 Wochen lang blind, ein Experiment

2007 machte die Künstlerin Marietta Schwarz einen „Blindversuch“ und verzichtete mehrere Wochen lang komplett auf das Sehen. In einem Bericht über diese Zeit schrieb sie unter anderem über den Besuch einer Kunstausstellung, Spaziergänge im Freien, eine wunderbare Grotte am Rhein, den Kölner Dom, künstlerisches Arbeiten und ihre abschließende „Entblindung“ unter ärztlicher Aufsicht. Es geht um Raumwahrnehmung, innere Bilder, Phantasie, Orientierung, Hören, Fühlen, Riechen, Erinnerungen und mehr.
Ich finde den Text sehr schön geschrieben. Marietta Schwarz hat vieles gut reflektiert auf den Punkt gebracht. Ich habe nach meiner Erblindung ähnliche, sehr überraschende Wahrnehmungserfahrungen gemacht und mache sie gelegentlich noch immer. :-)

Für einige Wochen blind zu sein, ist natürlich nicht besonders beängstigend, weil man weiss, dass man danach wieder normal sehend weiterleben kann. Genau das aber macht den Text aus meiner Sicht so interessant. Es geht um positive Aspekte der Blindheit, um veränderte, nicht-visuelle Sinneswahrnehmungen, geschildert aus einer entspannten Situation heraus.

Einige Zitate aus dem Bericht:
„Ich bin verblüfft, dass ich eine visuelle Erinnerung an meinen ersten Tag des Nicht-Sehens habe. In den ersten Tagen des Nicht-Sehens stelle ich mir die meisten Szenen vor, die ich gerade erlebe und male sie mir aus, in dem ich meine Erinnerung zitiere. Das mache ich aber nicht bewusst, sondern diese Bilder stellten sich von selbst ein. […] Die schönsten Erlebnisse habe ich draußen, weswegen ich am Nachmittag und am Wochenende lange Spaziergänge in Begleitung unternehme. Diese Spaziergänge dehnen sich immer weiter aus und wir besuchen sehr unterschiedliche Orte, meine Begleiter überraschen mich immer wieder aufs Neue mit anregenden Orten. […] Weiterlesen „3 Wochen lang blind, ein Experiment“

Angst im Dunkeln = Angst vor Blinden?

Jeder Mensch kennt das Gefühl zwischen Beklemmung und Angst, wenn man im Dunklen plötzlich nichts mehr sieht. In der Dunkelheit fühlen sich Sehende oft unbehaglich, unwohl, angespannt, nervös, mulmig, orientierungslos, unsicher, wehrlos, hilflos, abhängig, ausgeliefert, gefangen, eingesperrt, isoliert, alleine, machtlos, passiv, ohnmächtig, eingeschüchtert, nicht gut.

„Meine Blindheit macht mich nicht traurig, Sehende manchmal schon…“
Während der Entstehung von dubistblind.de fiel mir neben dieser Doppeldeutigkeit auf, dass viele typische Probleme blinder Menschen sozialer Art sind und wahrscheinlich mit der evolutionär entstandenen und einst sinnvollen Angst vor Dunkelheit zusammenhängen. Beeinflußen unbewusste Angsterinnerungen, wie sehende Menschen sich das Leben blinder Menschen vorstellen?

Was sind Urängste? Warum gibt es sie? Welche Ängste haben Tier und Mensch gemeinsam? Welche Ängste kennt schon jedes Kind? Welche realen Gefahren gibt es im Dunkeln? Wie gehen sehende Menschen mit ihrer Dunkelangst um? Welche Bewältigungsstrategien haben sie? Was unterscheidet Blindheit von anderen Behinderungen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Berührungsängsten gegenüber blinden Menschen und der allen Menschen bekannten Angst im Dunkeln? Mit diesen und ähnlichen Fragen möchte ich mich künftig intensiver beschäftigen. Erste Erläuterungen meiner Thesen finden sich auch in diesen englischsprachigen Tweets.

In einer repräsentativen Umfrage von 2016 gaben 80% sehender Menschen an, Mitleid mit Blinden zu haben. 74% glaubten nicht, dass sie noch glücklich sein könnten, wenn sie blind wären. 53% fühlen sich in der Nähe blinder Menschen unbehaglich. 46% konnten sich kein schlimmeres Schicksal vorstellen, als blind zu sein.

  • Ich mag die 54%, die sich Schlimmeres als Blindheit vorstellen können.
  • Ich mag Menschen, die mir ohne übertriebene Unsicherheit, Ängste und Fürsorge begegnen.
  • Unwissenheit, fehlende Erfahrung und Mitgefühl mit Blinden sind unvermeidbar und ganz normal.
  • Offen gezeigtes Mitleid, Ausgrenzung und Bevormundung müssen aber wirklich nicht sein.

Für mich ist es ein Trost, dass viele andere überall auf der Welt täglich das Gleiche erleben und dass das gefühlsgesteuerte Verhalten meiner sehenden Mitmenschen ganz normal ist. Man kann es leider kaum ändern, aber wenigstens verstehen. Dann tut es weniger weh und es kann einen nicht mehr so leicht verletzen.

Warum kommen Blinde nicht in die Hölle?
Weil der Teufel Angst hat, dass sie ihm auf den Schwanz treten.😎

Oder mit anderen Worten: Sogar der Teufel hat Vorurteile und Berührungsängste. Ob er wohl auch Angst im Dunkeln hat?😨

Welche Begriffe fallen dir spontan zum Thema „Blindheit“ ein?

Welche Begriffe fallen dir spontan zum Thema „Blindheit“ ein?

Dies hatte ich vor einigen Tagen bei Facebook gefragt. 2011 wurde diese Frage bereits einmal von Heiko Kunert gestellt. Es geht mir um die Asoziationen sehender Menschen zu Blindheit und blinden Menschen im allgemeinen. Bitte vor dem weiterlesen erst kurz darüber nachdenken und die Worte vielleicht sogar schon mal notieren. Antworten sind möglich als Kommentar direkt hier, unter diesem FB-Post oder bei Twitter an @de_Per. Danke! :-)

Ich arbeite an einen Text, in dem es darum geht, was Sehende Menschen fühlen oder denken, wenn es um Blindheit geht oder sie einen blinden Menschen treffen. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Wir Menschen beschönigen unangenehme Wahrheiten gerne und möchten meist auch offen und klug wirken. Ungeschminkte Antworten wären in diesem Fall aber besser, auch wenn es vielleicht schwer fällt. .

Zugehörige Seiten:
Du und die Sehenden: Sammlung passender #Dubistblind-Sätze.
Was Sehende über Blindheit denken: Ergebnisse einer Studie aus den USA, ergänzt mit meiner eigenen Meinung.

Wortwolke

Von den bislang insgesamt 26 Antworten habe ich fast alle Begriffe zu einer Art Wortwolke „verdichtet“. Das Resultat liest sich zuerst beklemmend, wird dann neutral und schließlich positiv, vielleicht sogar zu positiv. . Manche haben bei der Beantwortung vielleicht an Menschen gedacht, die sie kennen, andere stellten sich vielleicht vor, wie es wohl ist, blind zu sein oder selber blind zu werden. Wenn mehrere Leute den gleichen Begriff genannt haben, habe ich ihn auch entsprechend oft benutzt. Ich habe alle Worte zusammengeführt und in eine eigene Reihenfolge gebracht. Dabei habe ich mir die „künstlerische Freiheit“ genommen, einiges völlig unpassendes wegzulassen und zwei bis drei Aussagen sprachlich anzugleichen. Die Überschrift spiegelt die meistgenannten Asoziationen wider. Hier ist das Ergebnis:

Mit Stock und Hund gegen die Angst vor der Dunkelheit

Dunkelheit, Dunkelheit, Dunkelheit, Angst, Angst, Angst,
Dunkelheit, Dunkelheit, Dunkelheit. Einschränkung, Einschränkung, Abhängigkeit.
Hilflos, zerbrechlich, orientierungslos, eingeschränkt, abhängig.
Unsicherheit. Beklemmung. Hilfe. Mitgefühl. Bevormundung. Einsamkeit.
Manchmal wütend auf die eigene Blindheit. Dunkel. Mit Blindheit geschlagen.

Blindenhund, Blindenhund, Blindenhund, Blindenhund. Begleithund, Hund, Hund, Hund, Hund.
Langstock, Stock, Stock, Stock, Stock.
Blindenschrift, Blindenschrift, Blindenschrift, Brailleschrift, Braille, Braille.
Orientierung. Räumliches Denken. Geräusche machen beim vorbeigehen. Klackende Ampel. Blinde Kuh spielen. Dialog im Dunkeln, Dialog im Dunkeln, Café dunkel.
Physiotherapeuten, Hörfilme, erschwertes Leben als Kind, gute moderne Unterstützungsmöglichkeiten, NORMAL (mit anderen Sinnen auf andere Art und Weise zum Ziel kommen).
Barrierefreiheit, Barrierefreiheit, Barrierefreiheit. Brille, Brille, Blindenzeichen.

Feingefühl, Feingefühl, Sensibilität.
Sehen, sehen, Nichts sehen, „energetisch sehen“.
Fühlen, fühlen, Hände. Hören, hören. Sensibel, sensibel.
Sinne, bessere Sinne, Supergehör, scharfgestelltes Hören.
Besonders wahrnehmungsfähig, gutes Gespür für Gefühle. Kommunikativ, kommunikativ.
Langsamer. Kopfkino. Einfühlsamkeit. Fantasie. Respekt, Respekt, Bewunderung.
Stark, einfallsreich, freundlich, offen, frei, intensiv, interessiert, intelligent, vertrauensvoll, Lebenskünstler, liebenswert.
Horizont erweitern, Abenteuer, geschmeidig bleiben, blaue Flecken, Mut, Mary Ingalls.