Was Sehende über Blindheit denken – America’s Blind Spot

Die Organisation Perkins School for the Blind ließ 2016 eine representative Umfrage unter 1000 US-Amerikanern durchführen und veröffentlichte die Ergebnisse in der Studie „America’s Blind Spot“. Ich habe den Text übersetzt und stark bearbeitet zusammengefasst.

Vorab einige Zahlen: 55% der Befragten gaben an, im vergangenen Jahr keine einzige blinde Person gesehen zu haben. 53% fühlen sich in der Nähe blinder Menschen unbehaglich. 80% haben Mitleid mit Blinden. 74% glaubten nicht, dass sie noch glücklich sein könnten, wenn sie blind wären. 46% konnten sich kein schlimmeres Schicksal vorstellen als blind zu sein.

Meine persönliche Meinung dazu: Natürlich kenne ich auch viele Menschen, die anders fühlen & denken. Die Zahlen aus den USA erklären aber genau das, was ich und die meisten anderen Blinden, wohl überhaupt Menschen mit einer Behinderung, täglich erleben. Die Zahlen sind in Deutschland meiner Meinung wahrscheinlich ähnlich. Man kann sie aber auch andersrum interpretieren:

Ich mag beispielsweise die 54% der Sehenden, die sich Schlimmeres als Blindheit vorstellen können und die, die mir ohne Unsicherheit, Ängste und übertriebene Fürsorge begegnen. Unwissenheit, fehlende Erfahrung und Mitgefühl mit Blinden sind ganz normal, offen gezeigtes Mitleid leider auch. Damit möchte ich aber möglichst selten belästigt werden.

Für mich ist solch eine Studie ein Trost. Man erfährt dadurch, dass andere überall auf der Welt täglich das Gleiche erleben und dass das emotionsgesteuerte Verhalten vieler Menschen ganz normal ist und es dafür Gründe gibt. Man kann es zwar kaum ändern, aber zumindestens verstehen. Dann kann es einen nicht mehr so leicht verletzen.

Siehe dazu auch:
Why do we fear the blind? (New York Times, 2014)
Fragen-Experiment: 5 spontane Begriffsnennungen zum Stichwort „Blindheit“ (mit Wortwolke)
Du und die Sehenden: Sammlung passender #Dubistblind-Sätze

Amerikas blinder Fleck (Studie, 2016)

Was hindert uns daran, die Blinden in die sehende Welt einzubeziehen?

„Allein können wir so wenig tun, zusammen können wir so viel tun.“ (Helen Keller)

Durch die Studie sollte geklärt werden, wie Blinde von Sehenden wahrgenommen werden und um besser zu verstehen, wie diese Wahrnehmungen (oder Fehlwahrnehmungen) zu Barrieren bei der gesellschaftlichen Integration blinder Menschen werden.

Gefragt wurde unter anderem:
1. Wie fühlen sie sich in der Nähe blinder Menschen?
2. Was glauben sie, wozu blinde Menschen fähig sind?
3. Wie würden sie sich fühlen, wenn sie blind wären?
4. begegnen sie manchmal blinden Menschen oder haben vielleicht sogar etwas direkt mit ihnen zu tun?
5. Wo haben sie im letzten Jahr blinde Menschen gesehen?

In den USA gibt es 7 Millionen Blinde, aber mehr als die Hälfte der sehenden US-Amerikaner sagt, im letzten Jahr keinen Einzigen davon gesehen zu haben. Warum werden die blinden Menschen im Alltag nicht wahrgenommen? Es gibt dort fast doppelt so viele blinde Menschen wie Rollstuhlfahrer, aber in der Öffentlichkeit sind sie fast unsichtbar.

Die Studie hat gezeigt, dass Sehende oft unsicher sind, was Blinde können und was nicht. Fehlende Erfahrungen führen zu Fehleinschätzungen. Diese Fehleinschätzungen manefestieren sich auf vier wesentliche Arten, die blinde Menschen täglich behindern:

UNBEHAGEN, MITLEID, ANGST und STIGMATISIERUNG – 4 Barrieren für die Inklusion

Diese Barrieren behindern blinde Menschen dabei, sich gesellschaftlich zu integrieren und ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Wenn man daran etwas ändern will, muss man diese Probleme zuerst erkennen und verstehen.

UNBEHAGEN

Wer sich unsicher ist, was er tun oder wie er sich richtig verhalten soll, fühlt sich unbehaglich. Mehr als die Hälfte der befragten Personen gaben an, dass sie sich in der Umgebung von Blinden nicht wirklich wohl fühlen. Ein Grund, warum sich Menschen in dieser Situation unwohl fühlen, ist die fehlende Erfahrung im Zusammensein mit blinden Menschen.

Nur 34% der Befragten kennen persönlich jemanden, der blind ist. 55% sagten, im vergangenen Jahr keinen einzigen Blinden gesehen zu haben. Da es vielen blinden Menschen schwer fällt, am öffentlichen Leben teilzunehmen, sieht man sie dort daher auch nur selten.

Ihr Erfahrungsmangel bei der Interaktion mit Blinden kann für Sehende bei einer Begegnung Unbehagen auslösen. Blinde Menschen bemerken dies oft und fühlen sich dann ebenfalls unwohl. Wenn 53% der Befragten zugeben, sich in der Nähe von blinden Menschen nicht wohlzufühlen, liegt das daran, dass sie zu wenig Erfahrung und zu viel Unwissen haben.

Auf die Frage, wo sie im letzten Jahr eine blinde Person bemerkt haben, ergab sich Folgendes: 34% Zu Fuß auf der Straße, 27% In einem Geschäft oder im Einkaufszentrum, 11% bei einer sozialen Veranstaltung, 10% in öffentlichen Verkehrsmitteln. Diese Seltenheit der Begegnungen – insbesondere im öffentlichen Nahverkehr oder im sozialen Bereich – wirft ein ernsthaftes Problem auf. Wenn nur einer von drei sagt, dass er oder sie einen blinden Menschen kennt und mehr als die Hälfte der Bevölkerung im letzten Jahr keine blinde Person gesehen hat, dann nicht deshalb, weil es nur wenige blinde Menschen gibt, sondern weil diese nur wenig an der sehenden Welt teilhaben.

Da es menschlich ist, Angst vor dem Unbekannten zu haben, kann der Mangel an Erfahrung der Sehenden im Umgang mit Blinden zu einem hohen Maß an Unbehagen für beide Seiten führen. Trotz erheblicher gesellschaftlicher Fortschritte werden wir immer wieder damit konfrontiert, welche Macht Vorurteile noch immer haben. Das war auch wieder der Fall, als bei der Umfrage mehr als die Hälfte (53%) zugab, sich in der Nähe blinder Personen nicht wohl zu fühlen. Bei Jüngeren war dies mit 58% sogar noch ausgeprägter.

MITLEID

Aus normalem Mitgefühl mit anderen wird leicht Mitleid. Niemand mag es aber, bemitleidet zu werden. Mitleid mit jenen, denen es vermeintlich an Glück fehlt, führt oft zu der Schlußfolgerung, dass es ihnen an etwas Wesentlichem fehlt; dass sie irgendwie nicht gleichwertig sind.

Die Befragung ergab, dass überwältigende 80% der Sehenden Mitleid mit Blinden haben. Diese erstaunliche Menge an Mitleid führt zu Vorurteilen, die es blinden Menschen erschweren, sich in die sehende Gesellschaft integrieren zu können. Noch beunruhigender als die 80%, die blinde Menschen bemitleiden, sind die 74%, die nicht glauben, dass sie glücklich sein könnten, wenn sie selbst blind wären.

Überraschend war auch die Art und Weise, wie verschiedene Generationen diese Frage beantwortet haben. Obwohl jüngere Menschen typischerweise für aufgeschlossener und akzeptierender gehalten werden, bemitleideteten sie blinde Menschen mehr, als es die Älteren taten. Wenn eine überwältigende Mehrheit der sehenden Bevölkerung Mitleid mit blinden Menschen hat, entstehen unbeabsichtigte Folgen. Denke so darüber nach: Wenn du Mitleid mit jemandem hast, würdest du denken, dass er die gleichen Dinge erreichen könnte, die du erreichen kannst? Würdest du denken, dass er genauso glücklich sein könnte wie du?

Als die Teilnehmer nach ihrer Einschätzung der Fähigkeiten blinder Menschen gefragt wurden, gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, nicht zu glauben, dass ein Blinder in der Lage wäre, eine Mahlzeit zu kochen (56%), allein zu reisen (63%), Kleidung einzukaufen (70%), zu babysitten (81%) oder Sport zu treiben (82%). 21% gaben an, dass sie es vorziehen würden, wenn ihr Kind nicht mit einem Blinden ausgeht, weil sie glauben, dass es „zu schwierig“ wäre oder zu viele Hindernisse zu überwinden wären.

ANGST

Die Befragten haben zwar nicht wirklich Angst vor blinden Menschen, aber sie haben Angst, selbst blind zu werden. 74% glauben nicht, noch glücklich sein zu könnem, wenn sie blind wären. Sie projizieren diesen unbewussten Gedanken auch auf ihre Vorstellung von der Lebensqualität blinder Menschen, über die sie aber eigentlich nichts wissen. Sie bilden Annahmen und entwickeln Vorurteile. Dadurch schaffen sie Barrieren für das Miteinander, die nicht existieren müssten.

Fast die Hälfte aller Befragten (46%) gaben an, dass sie sich kein schlimmeres Schicksal vorstellen können als blind zu sein. Sie haben mehr Angst vor Erblindung als vor Krebs, Alzheimer oder Parkinson; und dass, obwohl diese Erkrankungen tötlich verlaufen können.

74% glauben nicht, selber noch glücklich sein zu können, wenn sie ihr Augenlicht verlören. Bei diesen 74% der befragten Menschen ist der Anblick blinder Menschen mit den Emotionen Angst und Unsicherheit verknüpft. Diese Sichtweise projiziert Emotionen auf einen Zustand, über den die Sehenden wenig wissen, bildet Annahmen und schafft Hindernisse, die nicht sein müssten.

STIGMA

Die meisten Menschen möchten gern aufgeschlossen und unvoreingenommen wirken. Ihr tatsächliches Verhalten wird aber oft von Unbewussten Vorurteilen beeinflußt.

Als gefragt wurde, ob es in Ordnung wäre, wenn das eigene Kind ein Date mit einem Blinden hätte, sagten 79%, dass sie kein Problem damit hätten.
Als sie dann aber gefragt wurden, ob sie sich auch selber auf ein Date mit einen blinden Menschen einlassen würden, sank die Zahl auf 69%.
Zwar glauben 73%, dass blinde Menschen in der Lage sind, Kinder zu haben, aber nur 19% könnten sich einen blinden Babysitter bei den eigenen Kindern vorstellen.
73% glauben, dass Blinde einen Job haben können, aber nur 28%, dass diese auch am gleichen Arbeitsplatz wie sie selber arbeiten könnten.
77% können sich zwar vorstellen, einen Blinden einzustellen, aber nur 32%, dass ein Blinder in ihrer Firma arbeiten könnte.

Diese versteckten Vorurteile sind Barrieren für die Integration und führen dazu, dass blinde Menschen als nicht gleichwertig betrachtet werden. Sie sind ein Stigma und verbauen Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Teilhabe in der Gesellschaft.

In vielerlei Hinsicht führen die sichtbaren Hinweise, dass jemand blind ist – ob er einen Stock hat, eine Brille trägt oder einen Blindenführhund hat – zu der automatischen Annahme, dass er bestimmte Dinge nicht tun oder sein kann. Die Vorstellung dessen, was blinde Menschen nicht können – ob sie nun am gleichen Arbeitsplatz arbeiten (72%), allein reisen (63%) oder Sportler sind (82%) – schafft Stigmata, die für blinde Menschen problematisch sind.

Stigma konzentriert sich eher auf das, was an einem Menschen anders ist, als auf das, was ihn oder sie einzigartig macht. Unbehagen, Mitleid und Angst verschmelzen zu einer Stigmatisierung und können leicht zu Vorurteilen werden.

Fazit

Unbehagen, Mitleid, Angst und Stigmatisierung behindern blinde Menschen dabei, sich gesellschaftlich zu integrieren und ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Wenn man daran etwas ändern will, muss man diese vier Barrieren zuerst erkennen und verstehen.

Zusammenfassung der Befragung:
34% kennen persönlich jemanden, der blind ist.
55% haben im vergangenen Jahr keine einzige blinde Person gesehen.
53% fühlen sich in der Nähe blinder Menschen unbehaglich.
80% haben Mitleid mit Blinden.
74% glauben nicht, dass sie noch glücklich sein könnten, wenn sie blind wären.
46% können sich kein schlimmeres Schicksal vorstellen als blind zu sein.

Quelle: „America’s Blind Spot“, PDF, Perkins School for the Blind, 2016

** Übersetzt und bearbeitet von Per Busch, veröffentlicht im Mai 2019 **