Drohendes Aus für Deutschlands erstem Blinden-Waldwanderpfad

Er war der erste seiner Art – jetzt soll er sterben. Ein Stück Inklusionsgeschichte geht nach 47 Jahren zu Ende.

Ich habe vor kurzem erfahren, dass die Verwaltung des Naturparks Habichtswald plant, das komplette Geländer des Blindenpfades in Kassel abzubauen. Ein Teil wurde bereits entfernt. Der Rest folgt bald. Nachstehend geht es um Ablehnung von Unterstützung, Verhinderung von Engagement, vorgeschobene Verkehrssicherungspflicht, Ungleichbehandlung, Diskriminierung und Unverhältnismäßigkeit. Am Ende dieses Artikels gibt es Updates zu neuen Entwicklungen (Petition, Medienberichterstattung, etc.).

Die Argumente des Naturpark-Geschäftsführers sind zwar teilweise verständlich, aber man muss davon ausgehen, dass er die aktuelle Waldschadenssituation dazu benutzt, sich des Blindenweges zu entledigen, ohne dafür Ärger zu bekommen. Dieses Ziel verfolgt er schon länger. Früher hat dies der Begründer des Blindenpfades, Claus Eichel, durch seine vielen Kontakte, u. a. zum verstorbenen Regierungspräsidenten Lübcke und seinen Bruder Hans Eichel, verhindert. Claus Eichel verstarb 2016. Im gleichen Jahr versuchte die Naturparkverwaltung zum ersten Mal, den Blindenpfad loszuwerden.

Den Blinden-Waldwanderpfad gibt es seit 1973. Er war der erste seiner Art in Deutschland. Sein Begründer erhielt unter anderem auch dafür das Bundesverdienstkreuz. Als blinder Mensch konnte man bislang auf diesem 2 Kilometer langen Rundweg im Kasseler Habichtswald spazieren gehen, indem man den Blindenstock über das Holzgeländer gleiten ließ. Auf diese Weise war es möglich, dem Weg sicher und entspannt zu folgen und alleine und unabhängig die Waldatmosphäre zu genießen. Das Geländer war aber auch für Menschen mit Sehbehinderung, geschwächter Konstitution, beginnender Demenz und anderen Orientierungsschwierigkeiten hilfreich. Für mich als Blinden hat dieser Weg sehr zur Verbesserung meiner Lebensqualität beigetragen! Viele meiner heutigen Aktivitäten wären ohne ihn nicht denkbar.

Jürgen Depenbrock, der Geschäftsführer des Zweckverbands Naturpark Habichtswald, hatte im Juni 2017 in einem HR-Fernsehinterview zugesagt, die damals durch Vandalismus entstandenen Schäden reparieren zu lassen. Zitat: „Wir sagen, solange es hier ein oder zwei Menschen gibt, für die das Geländer am Blindenpfad eine Bereicherung darstellt, erhalten wir ihn.“

Bis Dezember 2017 wurde jedoch lediglich ein Teilstück erneuert. Seitdem ist nichts mehr passiert. Es ist verständlich, dass der Naturpark nicht über genügend Personal und Finanzen verfügt, um den Weg für eine kleine Gruppe behinderter und älterer Menschen und jene, die Angst haben, sich im Wald zu verlaufen, mit eigenen Mitteln erhalten zu können. Leider hat Herr Depenbrock in den letzten 4 Jahren aber auch jede angebotene Unterstützung durch andere abgelehnt. Warum das so ist, weiss ich nicht und kann es nur vermuten.

Ablehnung von Unterstützung

  • 2017 wurde noch in einem Zeitungsartikel um Spenden für den Erhalt des Blindenwegs gebeten. Ich und einige weitere, mir bekannte Personen haben damals über 1000 Euro zusammenbekommen. Vielleicht gab es auch noch andere Spender, aber die kenne ich nicht.
  • Ein Angebot von Privatpersonen und professionellen Handwerkern, das Geländer zu reparieren, lehnte Herr Depenbrock im gleichen Jahr jedoch mit der Begründung eines für ihn angeblich zu hohen organisatorischen Aufwands ab.
  • Auch mein 2016 und 2017 mehrfach vorgetragenes Angebot, einen Hauptsponsor zu suchen, wies er stets mit dem Argument zurück, dass so ein Sponsor dann vielleicht auch mitbestimmen wolle. Dies sei aber unerwünscht.
  • 2019 machte ich dem Naturpark auf seiner öffentlichen Facebook-Seite den Vorschlag, bei der Aktion Mensch eine Förderung von 5000 Euro oder mehr zu beantragen, was einfach zu bewerkstelligen wäre. Eine Antwort bekam ich nie. Siehe hier)
  • Im April 2020 forderte er mich auf, den Spendenaufruf für den Blindenpfad von meiner Website zu entfernen. Er kritisierte, dass dies mit ihm nicht abgesprochen wäre. Dabei hatte er mich 2017 ausdrücklich darin bestärkt, zu Spenden aufzurufen und mir die dafür notwendigen Informationen gegeben.
  • Schließlich wurde jetzt plötzlich ein erster Teil des Geländers entfernt und der baldige Abbau des restlichen, voll funktionsfähigen Leitsystems angekündigt.
  • Alle hier aufgestellten Behauptungen sind belegbar oder können von Zeugen bestätigt werden.

Zusammenfassend muss man leider feststellen, dass Herr Depenbrock anscheinend nie Interesse daran hatte, Unterstützung für den Erhalt des Blindenpfades zu bekommen. Daher hat er auch jegliches Engagement von anderen verhindert. Es scheint, als ob das Ende dieses Weges schon seit längerem beschlossen sei und nicht erst aufgrund der aktuellen Waldschadenssituation und den damit verbundenen Sicherheitsbedenken, die ihm jetzt aber einen perfekten Vorwand liefern. Auch Hessen Forst ist schon länger an der Beseitigung des Geländers interessiert, weil es bei Baumfällarbeiten stört und die Benutzung großer Forstmaschinen behindert. Inoffiziell wird dies auch von Forstamtsmitarbeitern zugegeben.

Begründung des Naturpark-Geschäftsführers und meine Anmerkungen dazu

Wir haben als Zweckverband die abgesprochene Strategie verfolgt, trotz einem absolut unwirtschaftlichen Aufwand-Nutzen-Verhältnis, das Geländer nach Verfügbarkeit von Geld und personellen Ressourcen so gut wie möglich instand zu halten. Trotz stetiger Zunahme anderer, wirklich wichtiger Aufgaben des Naturpark-Betriebshofs mit deutlich größerem Mehrwert für die Naturparkbesucher haben wir uns bis dato kontinuierlich in der vereinbarten Weise engagiert.

Das stimmte bis Ende 2017. Was die fehlenden Ressourcen betrifft, stimme ich ihm auch absolut zu. Aber warum hat er jegliches Engagement Dritter verhindert und sich nicht um Förderung aus entsprechenden Quellen bemüht (Inklusion, Barrierefreiheit, Teilhabe, etc.)?

Mittlerweile ergibt sich für den Zweckverband ein Problem, das dramatische Auswirkungen auf die gesamte Infrastruktur des Naturparks (Bänke, Infotafeln, Wassertretstellen, Brücken …) hat. Aufgrund des durch Trockenheit und Hitze der Jahre 2018 und 2019 (und in Ansätzen auch schon 2020) bedingten, fortschreitenden Waldsterbens, insb. von Fichten und Rotbuchen, hat sich das Gefahrenpotential im Wald exponentiell erhöht. Waldbesitzer des Staats-, Privat- oder Kommunalwaldes fordern von uns mittlerweile aus diesem Grund Gestattungsverträge, in denen die Verpflichtung des Naturparks zur Übernahme der Verkehrssicherheitsverantwortung für dessen Infrastruktur explizit dokumentiert wird.

Das stimmt leider und trifft auf fast alle Wälder in Deutschland zu. Es gibt allerdings verschiedene Vorgehensweisen. In Niedersachsen hat man beispielsweise komplette Waldgebiete gesperrt, so wie es in einem begrenzten Bereich in Kassel bei der Hessenschanze auch gemacht wurde. Woanders weist man Waldbesucher lediglich auf das stark gestiegene Risiko hin und tut so der Verkehrssicherungspflicht genüge. Wenn man absolut sicher sein wollte, müsste man überall in Deutschland ziemlich viele Waldwege sperren, aber das ist natürlich nicht realistisch. Schließlich gibt es bei uns ein allgemeines Waldbetretungsrecht.

Demnach ist der Zweckverband – bei deutlich erhöhtem Gefahrenpotential – für jegliche Strukturen, die er im Wald installiert, an denen sich Menschen aufhalten und in deren sicheren Zustand sie vertrauen, verkehrssicherheitstechnisch verantwortlich und rechtlich haftbar. Für den Blindenpfad bedeutet dies konkret, dass wir jederzeit sicherstellen müssten, dass (blinde) Menschen, die dem Geländer vertrauen, unbeschadet den Weg begehen können. Und dies nicht nur hinsichtlich des Geländers sondern auch bzgl. einer Gefährdung durch herausbrechende trockene Kronen / Totäste, deren Gefahrenpotential von blinden Menschen nicht wahrgenommen werden kann.

Juristisch scheint das auf den ersten Blick eine sichere Argumentation zu sein. Menschenleben dürfen nicht gefährdet werden. Wenn das Waldgebiet beim Blindenpfad aber so gefährlich ist, was ist dann mit allen anderen Spaziergängern? Senioren, Kinder, unaufmerksame Besucher, etc.? Sind die nicht gefährdet? Müsste man nicht eigentlich alle potentiell gefährlichen Wege überall im Wald für alle sperren?

Herabfallende Baumteile hört ein Blinder genau so gut wie ein Sehender, vielleicht sogar noch besser, weil er mehr darauf achtet. Und wenn er gerade darunter steht, fallen die ihm natürlich auf den Kopf, genau wie sehenden Spaziergängern auch. Niemand kann in so einer Situation schnell genug weglaufen. Und welche Waldbesucher sind schon in der Lage, das Gefahrenpotential möglicherweise gleich herunterfallender Baumteile weit über ihnen zu erkennen? Wohl so gut wie niemand.

Eine Orientierungshilfe ermöglicht es manchen Menschen überhaupt erst, einen Weg zu benutzen. Sie gehört also zum Weg und ist keine „installierte Struktur, an der sich Menschen aufhalten und in deren sicheren Zustand sie vertrauen“. Menschen vertrauen darauf, dass ein Weg sicher ist. Wenn der Weg nicht sicher ist, muss er für alle gesperrt werden. Ansonsten ist das eine Ungleichbehandlung und Benachteiligung der Menschen, die auf solch eine Orientierungshilfe angewiesen sind, und das ist diskriminierend.

Ein größerer Abschnitt des Blinden-Waldwanderpfads ist auch als normaler Wanderweg ausgezeichnet, worauf Beschilderung und Baummarkierungen hinweisen. Ist ein beschilderter und markierter Wanderweg nicht auch eine Struktur, auf dessen sicheren Zustand die Menschen vertrauen? Müssten solche Schilder und Markierungen dann also nicht ebenfalls entfernt werden?

HessenForst wird dem Naturpark das betreffende Waldstück aufgrund der Waldschadenssituation nur noch zur Verfügung stellen, wenn wir die komplette Verantwortung für die Verkehrssicherheit vertraglich übernehmen. Die regelmäßige fachliche Kontrolle des Baumbestandes inkl. rechtssicherer Dokumentation an dem 2,3 km langen Pfad sowie die Durchführung  notwendiger Pflegemaßnahmen (z.B. Hubsteigerarbeiten in den Baumkronen) auf eigene Kosten wären Teil der Vereinbarung. Unter diesen Bedingungen und mit den dem Naturpark zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Kapazitäten ist – speziell bei Berücksichtigung des grenzwertigen Aufwand-Nutzen-Verhältnisses – die Unterhaltung des Blindenpfad-Geländers leider nicht länger vertretbar.

Und wieder die Frage: Wenn es für Blinde dort angeblich zu gefährlich ist, wieso dann nicht auch für alle anderen Nutzergruppen? Müsste dieser Weg nicht eigentlich für alle gesperrt werden, wenn der Naturpark aus verständlichen Gründen nicht in der Lage ist, die Sicherheit zu gewährleisten? Was hat das Geländer damit zu tun, das momentan nur noch abschnittsweise existiert und daher sowieso keine „Sicherheit“ suggeriert?

Momentan hat das noch verbliebende Leitsystem gar keine Verbindung zu den Wegen, auf denen blinde Menschen sich sicher mit ihrem Blindenstock bewegen können. Die allermeisten Blinden können die Orientierungshilfe mitten im Wald zurzeit also gar nicht benutzen. Das restliche Geländer hat auch noch einen hohen finanziellen Wert. Warum soll der unnötig vernichtet werden? Das verbaut jede Chance auf eine mögliche sponsorenunterstützte Instandsetzung in der Zukunft, wenn sich die Gefahrenlage wieder beruhigt hat.

Würde es nicht genügen, alle Schilder mit dem Hinweis auf einen „offiziellen Blindenweg“ zu entfernen und das verbliebene Geländer einfach stehenzulassen? Irgendwann wird die aktuelle Gefahrenlage vorüber sein, aber die Orientierungshilfe wird es dann nicht mehr geben. Und sie wird dann natürlich auch nicht wieder aufgebaut werden.

Diskriminierung, Ungleichbehandlung und fehlende Verhältnismäßigkeit

Das Geländer komplett abzubauen und Deutschlands ersten Blinden-Waldwanderpfad so nach 47 Jahren zu beerdigen, scheint eine unverhältnismäßige Reaktion zu sein, mit der eine einzelne Personengruppe benachteiligt und bevormundet wird. Das ist diskriminierend. Diese Einschätzung wird auch von Juristen geteilt.

Artikel 3, Absatz 3, Satz 2 des Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. „

Ich möchte zum Schluss noch einmal wiederholen, dass ich vollstes Verständnis dafür habe, das der Naturpark nicht über die Ressourcen für einen Erhalt des Blindenpfadgeländers verfügt. Warum aber durften sich andere Institutionen und Menschen dort in der Vergangenheit nicht engagieren? Es muss auch noch einmal erwähnt werden, dass der Blindenpfad dem Forstamt Wolfhagen schon lange ein Dorn im Auge ist, da das Geländer bei der Waldbewirtschaftung stört. Das habe ich wenigstens so von Förstern gehört.

Momentan sieht es so aus, als ob durch den Abbau der Orientierungshilfe einfach Fakten geschaffen werden sollen. Bislang wurde erst ein Teil des verbliebenden Geländers entfernt, aber das kann sich jetzt jederzeit ändern. Daher braucht die Angelegenheit schnell öffentliche Aufmerksamkeit, bevor es zu spät ist.

Updates

Am 29.07.2020 habe ich nach einer freundlichen Anregung des Kasseler Bundestagsabgeordneten Timon Gremmels bei Twitter mit Unterstützung des Landtagsagbeordneten Oliver Ulloth eine Petition beim Hessischen Landtag eingereicht. Diese Petition richtet sich an das für den Landesbetrieb Hessen Forst zuständige Ministerium und wegen der sozialen Komponente (Inklusion, Barrierefreiheit, Teilhabe, etc.) auch an das Sozialministerium. Wegen des Verdachts der Diskriminierung wurde ausserdem die Hessische Behindertenbeauftragte informiert.

Am 30.07.2020 erschien in der HNA ein Artikel, in dem sich Herr Depenbrock wie folgt auf mich bezieht.
Zitat: „Letztlich gibt es noch eine blinde Person, die in fußläufiger Entfernung wohnt, durchaus aber in der Lage ist, den Weg auch ohne das Geländer zu laufen.“
Das ist nicht wahr. Der überwiegende Teil des Wegs wird für mich ohne die Orientierungshilfe künftig aufgrund von Herbstlaub, Matsch, Schnee oder Eis an vielen Tagen nicht mehr begehbar sein, und dass, obwohl ich mich auf vielen anderen Waldwegen ansonsten gut orientieren kann. Ich werde bei entsprechend schlechten Bedingungen auch nicht mehr in der Lage sein, die von mir 2012 gesponserte Bank am Geilebach aufzusuchen. Herr Depenbrock weiss leider nicht, wovon er spricht. Er hat sich aus angelesenen Informationen einfach nur ein Argument konstruiert. Da das hölzerne Leitsystem schon seit längerem Lücken aufweist, konnten andere, in der Nähe wohnende Blinde den Weg in den letzten Jahren übrigens gar nicht ausprobieren. Und nochmal zur Erinnerung: Das Geländer ist auch für Menschen mit Sehbehinderung, geschwächter Konstitution, beginnender Demenz und anderen Orientierungsschwierigkeiten hilfreich.

Ich werde künftig trotzdem versuchen, diesen direkt am Waldrand gelegenen Weg zu gehen, so wie ich es die letzten 20 Jahre gemacht habe, auch wenn es ohne die Orientierungshilfe nun wesentlich schwieriger und auch gefährlicher ist. Mir bleibt gar keine andere Wahl, wenn ich in den Wald will.

Mehr zu Geschichte, Zweck und Nutzen des Blindenleitsystems und ein persönlicher Kommentar von mir: https://harleswald.de/blindenpfad
Mein Twitter-Account zeigt, dass ich mich intensiv mit dem Thema „Menschen im Wald“, Forstwirtschaft und zugehörigen Wissenschaften beschäftigt habe: https://twitter.com/harleswald

Kontakt

Ich freue mich über Hinweise, Verbesserungsvorschläge, Unterstützung, Fragen und Kritik. Wer mich kontaktieren möchte, kann dies via 0561-58554552, reisendermobil (gefolgt von) @googlemail Punkt com, Twitter, Facebook oder das folgende Kontaktformular tun.

Vielen Dank!