Drohendes Aus für Deutschlands ältesten Blinden-Waldwanderpfad

Er war der erste seiner Art – jetzt soll er sterben. Ein Stück Inklusionsgeschichte geht nach 47 Jahren zu Ende.

Ich habe vor kurzem erfahren, dass der Naturpark Habichtswald plant, das komplette Geländer des Blindenpfades in Kassel abzubauen. Ein Teil wurde bereits entfernt. Nachstehend geht es um umstrittene Verkehrssicherungspflicht, Unverhältnismäßigkeit, Ungleichbehandlung und Diskriminierung. Es geht aber auch um die Vorgeschichte des Abbaus und ein mögliches Motiv von Hessen Forst. Am Ende dieses Artikels gibt es Updates zu neuen Entwicklungen (Petition, politische und gesellschaftliche Reaktionen, Medienberichterstattung, etc.).

Den Blinden-Waldwanderpfad gibt es seit 1973. Er war der erste seiner Art in Deutschland. Sein Begründer erhielt unter anderem auch dafür das Bundesverdienstkreuz. Als blinder Mensch konnte man bislang auf diesem 2 Kilometer langen Rundweg im Kasseler Habichtswald spazieren gehen, indem man den Blindenstock über das Holzgeländer gleiten ließ. Auf diese Weise war es möglich, dem Weg sicher und entspannt zu folgen und alleine und unabhängig die Waldatmosphäre zu genießen. Das Geländer war aber auch für Menschen mit Sehbehinderung, geschwächter Konstitution, beginnender Demenz und anderen Orientierungsschwierigkeiten hilfreich. Für mich als Blinden hat dieser Weg sehr zur Verbesserung meiner Lebensqualität beigetragen! Viele meiner heutigen Aktivitäten wären ohne ihn nicht denkbar.

Es ist verständlich, dass der Naturpark nicht über genügend Personal und Finanzen verfügt, um den Weg für eine kleine Gruppe behinderter und älterer Menschen und jene, die Angst haben, sich im Wald zu verlaufen, mit eigenen Mitteln erhalten zu können. Leider hat die Naturparkverwaltung in den letzten 4 Jahren aber auch jede angebotene Unterstützung durch andere abgelehnt.

Begründung des Naturpark-Geschäftsführers und meine Anmerkungen dazu

Wir haben als Zweckverband die abgesprochene Strategie verfolgt, trotz einem absolut unwirtschaftlichen Aufwand-Nutzen-Verhältnis, das Geländer nach Verfügbarkeit von Geld und personellen Ressourcen so gut wie möglich instand zu halten. Trotz stetiger Zunahme anderer, wirklich wichtiger Aufgaben des Naturpark-Betriebshofs mit deutlich größerem Mehrwert für die Naturparkbesucher haben wir uns bis dato kontinuierlich in der vereinbarten Weise engagiert.

Das stimmte bis Ende 2017. Was die fehlenden Ressourcen betrifft, stimme ich auch absolut zu. Aber warum wurde jegliches Engagement Dritter verhindert und sich nicht um Förderung aus entsprechenden Quellen bemüht (Inklusion, Barrierefreiheit, Teilhabe, etc.)?

Mittlerweile ergibt sich für den Zweckverband ein Problem, das dramatische Auswirkungen auf die gesamte Infrastruktur des Naturparks (Bänke, Infotafeln, Wassertretstellen, Brücken …) hat. Aufgrund des durch Trockenheit und Hitze der Jahre 2018 und 2019 (und in Ansätzen auch schon 2020) bedingten, fortschreitenden Waldsterbens, insb. von Fichten und Rotbuchen, hat sich das Gefahrenpotential im Wald exponentiell erhöht. Waldbesitzer des Staats-, Privat- oder Kommunalwaldes fordern von uns mittlerweile aus diesem Grund Gestattungsverträge, in denen die Verpflichtung des Naturparks zur Übernahme der Verkehrssicherheitsverantwortung für dessen Infrastruktur explizit dokumentiert wird.

Das stimmt leider und trifft auf sehr viele Wälder in Deutschland zu. Es gibt allerdings verschiedene Vorgehensweisen. In Niedersachsen hat man beispielsweise komplette Waldgebiete gesperrt, so wie es in einem begrenzten Bereich in Kassel bei der Hessenschanze auch gemacht wurde. Woanders weist man Waldbesucher lediglich auf das stark gestiegene Risiko hin und genügt so der Verkehrssicherungspflicht. Wenn man absolut sicher sein wollte, müsste man überall in Deutschland ziemlich viele Waldwege sperren, aber das ist natürlich nicht realistisch. Schließlich gibt es bei uns ein allgemeines Waldbetretungsrecht.

Demnach ist der Zweckverband – bei deutlich erhöhtem Gefahrenpotential – für jegliche Strukturen, die er im Wald installiert, an denen sich Menschen aufhalten und in deren sicheren Zustand sie vertrauen, verkehrssicherheitstechnisch verantwortlich und rechtlich haftbar. Für den Blindenpfad bedeutet dies konkret, dass wir jederzeit sicherstellen müssten, dass (blinde) Menschen, die dem Geländer vertrauen, unbeschadet den Weg begehen können. Und dies nicht nur hinsichtlich des Geländers sondern auch bzgl. einer Gefährdung durch herausbrechende trockene Kronen / Totäste, deren Gefahrenpotential von blinden Menschen nicht wahrgenommen werden kann.

Juristisch scheint das auf den ersten Blick eine sichere Argumentation zu sein. Menschenleben dürfen nicht gefährdet werden. Wenn das Waldgebiet beim Blindenpfad aber so gefährlich ist, was ist dann mit allen anderen Spaziergängern? Senioren, Kinder, unaufmerksame Besucher, etc.? Sind die nicht gefährdet? Müsste man nicht eigentlich alle potentiell gefährlichen Wege überall im Wald für alle sperren?

Herabfallende Baumteile hört ein Blinder genau so gut wie ein Sehender, vielleicht sogar noch besser, weil er mehr darauf achtet. Und wenn er gerade darunter steht, fallen die ihm natürlich auf den Kopf, genau wie sehenden Spaziergängern auch. Niemand kann in so einer Situation schnell genug weglaufen. Und welche Waldbesucher sind schon in der Lage, das Gefahrenpotential möglicherweise gleich herunterfallender Baumteile weit über ihnen zu erkennen? Wohl so gut wie niemand.

Eine Orientierungshilfe ermöglicht es manchen Menschen überhaupt erst, einen Weg zu benutzen. Sie ist eine Wegmarkierung und gehört zum Weg. Sie verbessert die Barrierefreiheit und erfüllt die gleiche Funktion wie Blindenleitsysteme im öffentlichen Raum. Sie ist keine „Erholungseinrichtung“ und auch keine „installierte Struktur, an der sich Menschen aufhalten und in deren sicheren Zustand sie vertrauen“. Menschen vertrauen darauf, dass ein Weg sicher ist. Wenn der Weg nicht sicher ist, muss er für alle gesperrt werden, nicht nur für eine einzige Personengruppe.

Orientierungsbenachteiligten Menschen das Betreten des Waldes durch den Abbau des Leitsystems zusätzlich zu erschweren, stellt eine Ungleichbehandlung im Sinne von Artikel 3, Absatz 3, Satz 2 des Grundgesetzes dar. Hinter der Rückbaubegründung steckt ein auf Fehlannahmen basierender, überbordender Fürsorgegedanke. Das Ergebnis ist benachteiligend, bevormundend und diskriminierend. Sehende können nur selten beurteilen, was Blinde können und was nicht.

Der komplette Blinden-Waldwanderpfad ist übrigens auch als normaler Rundwanderweg Nr. 29 ausgewiesen, worauf Beschilderung und Baummarkierungen hinweisen. Laut einem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs von 2012 besteht aber keine Verkehrssicherungspflicht für waldtypische Gefahren auf Waldwegen. Dabei ist es sogar egal, wie stark frequentiert ein Waldweg ist und ob er beworben wird, z.B. als Premium-Wanderweg. Mit waldtypischen Gefahren müssen Waldbesucher stets, also auch auf Wegen rechnen, nicht aber an vom Waldbesitzer geschaffenen Orten zum Verweilen. Eine Orientierungshilfe bzw. ein Leitsystem dient aber der Fortbewegung und nicht dem Verweilen. Zitat: „Zu berücksichtigen ist jedoch, dass nicht jeder abstrakten Gefahr vorbeugend begegnet werden kann. Ein allgemeines Verbot, andere nicht zu gefährden, wäre utopisch. Eine Verkehrssicherung, die jede Schädigung ausschließt, ist im praktischen Leben nicht erreichbar.“ Mehr dazu im kompletten BGH-Urteil

Anmerkung: In der Rechtsprechung zur Verkehrssicherungspflicht im Wald taucht manchmal der Begriff „Geländer“ auf. So wird auch das Leitsystem auf dem Blindenpfad oft bezeichnet. Es handelt sich dabei aber nicht um einen Handlauf zum Abstützen und auch nicht um die Absicherung vor einer Gefahr auf der anderen Seite des Geländers. Die Holzkonstruktion ist überwiegend kniehoch und lediglich eine wegebauliche Ergänzung zur Unterstützung orientierungsbenachteiligter Waldbesucher. Sie ist eine Wegmarkierung und macht Weg und Wald barrierefreier. Von ihr selbst darf natürlich keine Gefahr ausgehen, z.B. durch herausragende Nägel. Sie muss also in Ordnung gehalten werden.

HessenForst wird dem Naturpark das betreffende Waldstück aufgrund der Waldschadenssituation nur noch zur Verfügung stellen, wenn wir die komplette Verantwortung für die Verkehrssicherheit vertraglich übernehmen. Die regelmäßige fachliche Kontrolle des Baumbestandes inkl. rechtssicherer Dokumentation an dem 2,3 km langen Pfad sowie die Durchführung  notwendiger Pflegemaßnahmen (z.B. Hubsteigerarbeiten in den Baumkronen) auf eigene Kosten wären Teil der Vereinbarung. Unter diesen Bedingungen und mit den dem Naturpark zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Kapazitäten ist – speziell bei Berücksichtigung des grenzwertigen Aufwand-Nutzen-Verhältnisses – die Unterhaltung des Blindenpfad-Geländers leider nicht länger vertretbar.

Und wieder die Frage: Wenn es für Blinde dort angeblich zu gefährlich ist, wieso dann nicht auch für alle anderen Nutzergruppen? Müsste dieser Weg nicht eigentlich für alle gesperrt werden, wenn der Naturpark aus verständlichen Gründen nicht in der Lage ist, die Sicherheit zu gewährleisten? Was hat das Geländer damit zu tun, das momentan nur noch abschnittsweise existiert und daher sowieso keine „Sicherheit“ suggeriert?

Momentan hat das noch verbliebende Leitsystem gar keine Verbindung zu den Wegen, auf denen blinde Menschen sich sicher mit ihrem Blindenstock bewegen können. Die allermeisten Blinden können die Orientierungshilfe mitten im Wald zurzeit also gar nicht benutzen. Das restliche Geländer hat auch noch einen hohen finanziellen Wert. Warum soll der unnötig vernichtet werden? Das verbaut jede Chance auf eine mögliche sponsorenunterstützte Instandsetzung in der Zukunft, wenn sich die Gefahrenlage wieder beruhigt hat.

Kompromissvorschlag

In einigen Jahren wird das momentan erhöhte Risiko im Wald wieder geringer sein, aber das Leitsystem wird es nach einem Komplettabbau nicht mehr geben. Würde es notfalls nicht genügen, alle Schilder und Hinweise auf einen „offiziellen Blindenweg“ vorübergehend zu entfernen und auf jegliche Bewerbung zu verzichten?

Dann könnte niemand mehr annehmen, dass dieser Weg besonders sicher sei und es gäbe keine erhöhte Verkehrssicherungspflicht. Das restliche Geländer könnte man erklärungslos stehen lassen. Wenn die Gefahrenlage in einigen Jahren wieder normal ist, könnte man den Rundwanderweg 29 dann auch wieder „Blindenpfad“ nennen. Mir ist der Name egal, wenn das Leitsystem bleiben kann!

Fazit

Das Geländer komplett abzubauen und Deutschlands ersten Blinden-Waldwanderpfad so nach 47 Jahren zu beerdigen, scheint eine unverhältnismäßige Reaktion zu sein, mit der eine einzelne Personengruppe benachteiligt und bevormundet wird. Das ist diskriminierend. Diese Einschätzung wird auch von Juristen geteilt.

Die Orientierungshilfe ist eine Wegmarkierung und gehört zum Weg. Sie verbessert die Barrierefreiheit. Sie begründet keine erhöhte Verkehrssicherungspflicht. Also müssen wegen ihr auch keine Bäume gefällt und ständig aufwendige Baumkontrollen durchgeführt werden.

Ich möchte zum Schluss noch einmal wiederholen, dass ich vollstes Verständnis dafür habe, das der Naturpark nicht über die Ressourcen für einen Erhalt des Blindenpfadgeländers verfügt. Warum aber durften sich andere Institutionen und Menschen dort in der Vergangenheit nicht engagieren? Es muss auch noch erwähnt werden, dass Hessen Forst schon länger an der Beseitigung des Geländers interessiert ist, weil es bei Baumfällarbeiten stört und die Benutzung großer Forstmaschinen behindert. Inoffiziell wird dies auch von Forstamtsmitarbeitern zugegeben.

Momentan sieht es so aus, als ob durch den Abbau der Orientierungshilfe einfach Fakten geschaffen werden sollen. Bislang wurde erst ein Teil des verbliebenden Geländers entfernt, aber das kann sich jetzt jederzeit ändern. Daher braucht die Angelegenheit schnell öffentliche Aufmerksamkeit, bevor es zu spät ist.

Updates

Am 29.07.2020 habe ich beim Hessischen Landtag eine Petition unter dem Aktenzeichen 01678/20 eingereicht. Diese Petition richtet sich an das für den Landesbetrieb Hessen Forst zuständige Ministerium und wegen der sozialen Komponente (Inklusion, Barrierefreiheit, Teilhabe, etc.) auch an das Sozialministerium. Wegen des Verdachts der Diskriminierung wurde ausserdem die Hessische Behindertenbeauftragte Rika Esser informiert. Ziel der Petition ist die Klärung der strittigen Haftungsfrage und tatsächlich geltenden Verkehrssicherungspflicht. Am 21.10.2020 sollte es dazu einen öffentlichen Ortstermin mit Landtagsabgeordneten des Petitionsausschußes geben. Dieser Termin musste wegen Corona aber verschoben werden.

Am 18.08.2020 fand eine öffentliche Sitzung des Behindertenbeirats der Stadt Kassel statt, bei der neben dem Naturpark-Geschäftsführer auch städtische Bedienstete, Politiker und interessierte Bürger anwesend waren. Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die am 02.10.2020 zum ersten Mal zusammentraf. Die 17 Mitglieder der AG wurden vom Hessischen Landtag auch zum Ortstermin mit dem Petitionsausschuß eingeladen.

Politische Reaktionen

Auszug aus einer Pressemitteilung der SPD Fraktion Kassel vom 27.08.2020:

Für die SPD-Fraktion ist die Frage zentral, wie wir den Blindenpfad retten, vielleicht sogar ausbauen können. Denn neben blinden Menschen ist der Pfad auch für andere Bevölkerungsgruppen unentbehrlich – u.a. für Menschen mit beginnender Demenz oder für Kinder mit z.B. Sehbeeinträchtigungen oder sozial-emotionaler Belastung. Letzteren gibt der mit Geländern versehene Pfad Orientierung und eröffnet so die Chance, den Wald ohne Angst zu erleben. „Der Pfad ist gefragt und gern genutzt. Das Argument des unwirtschaftlichen Aufwand-Nutzen-Verhältnisses greift also nicht“, findet der integrationspolitische Sprecher Norbert Sprafke. „Es stößt bei uns in der SPD-Fraktion auf absolutes Unverständnis, dass jetzt der erste inklusive Wanderpfad Deutschlands abgebaut wird“.

Am 12.08.2020 berichtete die HNA:

Mit Bedauern reagiert der FDP-Bundestagsabgeordnete Matthias Nölke auf die vom Naturpark Habichtswald beschlossene Schließung des Kasseler Blindenpfades. Dies sei eine „traurige Entscheidung“, die Teilhabe von Blinden an der Natur werde dadurch eingeschränkt. Alle Beteiligten sollten nach Nölkes Ansicht zu einem Runden Tisch zusammenkommen und eine Möglichkeit suchen, wie der Pfad erhalten werden kann. Gefragt sei auch der Magistrat der Stadt. Er habe die finanziellen Möglichkeiten, die Teilhabe von Blinden am Naturpark weiter zu ermöglichen, meinte Nölke, der auch Stadtverordneter in Kassel ist.

Die Kasseler Grünen reagierten auf die konstruktiven Stellungnahmen der anderen Parteien mit Pressemitteilungen, in denen sie einseitig die Argumentation von Hessen Forst vertreten, ohne auf die zahlreichen Gegenargumente und juristischen Fakten einzugehen.
* Pressemitteilung von Christine Hesse
* HNA-Artikel vom 8.9.2020, in dem sich Stadtbaurat Christof Nolda gegen den Erhalt des Blindenpfades ausspricht.
* Am 10.9.2020 sagte Christof Nolda in diesem HR-Fernsehbeitrag:

Der Unterschied ist, wenn jemand in den Wald geht, hat er grundsätzlich mit dieser Gefahr zu rechnen. Es gibt die Nachrichten und die Mitteilungen darüber, dass die Gefahren im Wald größer sind, als sie noch vor 5 Jahren waren. Das ist allen bekannt.
Wenn wir aber mit besonderen Einrichtungen, also einer Geländereinrichtung, Menschen in den Wald führen, dann haben wir an dieser Stelle eine wesentlich höhere Verantwortung als wenn Leute einfach aus freien Willen in den Wald gehen. Dieser höhheren Verantwortung werden wir gerecht und müssen daraus Konsequenzen ziehen.

Gesellschaftliche Reaktionen

Stellungnahme des Bürgervereins vom 13.08.2020:

Der Vorstand des Bürgervereins Kassel-Harleshausen lehnt den Abbau des Blindenpfads ab und setzt sich stattdessen für einen Ausbau der bisherigen Geländer als Leit- und Gehhilfe auch für Sehende ein. In den letzten Jahren hatten sich ältere Menschen aus dem Stadtteil wiederholt darüber beschwert, dass die zuletzt angebrachten Leitgeländer für Blindenstöcke derart niedrig seien, dass man sie nicht als Geländer zum Festhalten nutzen konnte. Der Blindenpfad wurde bis dahin auch von sehenden Menschen genutzt, die sich ansonsten nur sehr unsicher im Wald bewegen konnten. Durch den Wegfall der Geländer in greifbarer Höhe wurde älteren Menschen eine einzigartige Gelegenheit genommen, sich im Wald sicher zu bewegen.

Auch der Ortsbeirat Harleshausen setzt sich für den Erhalt des bestehenden Blindenpfads ein.

Am 17.08.2020 erschien in der FAZ ein Artikel unter der Überschrift:
Haftungsdilemma in Kassel: Wie der Klimawandel einen Blindenpfad gefährdet

Auszug aus dem Brief einer Lehrerin einer Grundschule:

Wir sind eine „Draussen- und Umweltschule“. D.h., dass 10 Schulklassen einmal wöchentlich für einen ganzen Schulvormittag den Habichtswald als „außerschulischen Lernort“ nutzen. Der Habichtswald ist für uns Wandergebiet, Lern- und Erholungsort. Unsere Schule wird von einer bunten Mischung von Kindern besucht; u.a. auch Kinder aus Flüchtlingsregionen (teilweise traumatisiert) oder inklusive beschulte Kinder, die durch Hör- und Sehbeeinträchtigungen oder sozial-emotional belastet sind. All diese Kinder brauchen gerade in der heutigen Zeit, u.a. auch um den Wald angstfrei nutzen zu können, eine besondere Orientierung. Dazu eignet sich der Blindenpfad bzw. die Orientierungshilfe nahezu perfekt. […]
Aus unserer Sicht ist es sehr schade, dass der Weg umgestaltet wird und sich deshalb unsere Nutzung zumindest schwieriger darstellt. Der Orientierungshandlauf des Blindenpfads ist für unsere Schulklassen absolut wichtig. Es ist eine Möglichkeit, inklusiv denken zu lernen, quasi im Vorbeigehen. Das sollte doch eher erhalten bleiben, als in Frage gestellt zu werden. Wir hoffen darauf, dass der Abriss gestoppt werden kann und die Wiederherstellung dieser sinnvollen Hilfe beginnen kann.

Auszug aus einem Brief von den Eltern eines blinden Kindes:

Der Zweckverband Naturpark Habichtswald hat auf Druck des Hessenforstes bzw. durch deren Hinweis auf die erhöhte Verkehrssicherungspflicht beschlossen, den Blindenpfad und die Orientierungshilfe ( das Geländer rund um den Blindenpfad ) abzubauen. Der Zweckverband begründet das damit, dass dieses Geländer eine bauliche Veränderung durch Dritte sei, mit der eine wahrnehmbare erhöhte Sicherheit suggeriert wird und somit für den Zweckverband eine erhöhte Verkehrssicherungspflicht gilt und vor allem eine damit verbundene Haftung des Zweckverbandes für die Gefahren des Waldes gegenüber Benutzern des Blindenpfades einhergeht. […]
Wir sind der Auffassung, dass es sich bei der Orientierungshilfe lediglich um eine Möglichkeit handelt, dass Blinde, Sehbehinderte und andere Menschen, die mit der einfachen Orientierung Schwierigkeiten haben, den inzwischen zum Wanderweg Nr. 29 umgewandelten Blindenpfad barrierefrei und selbstständig nutzen können. Die Annahme und die daraus resultierende und immer wieder benutzte Argumentation, dass die Nutzungsintensität der Orientierungshilfe sich eigentlich bei nahezu null bewegt, ist schlicht falsch. Das Argument dieser Blindenpfad als solches wird nur noch von einer Person benutzt und deshalb stünde der Aufwand in keiner Relation zur Nutzung, wird vehement bestritten. Menschen mit Sehbehinderung ist diese schlichtweg nicht anzusehen. Uns sind mehrere Personenkreise ( Schulen, Sehbehinderte & Menschen mit grundsätzlichen Schwierigkeiten bei der Orientierung ) bekannt, die diesen Weg durch das Leitsystem angstfrei nutzen können.

Persönliches

Am 30.07.2020 erschien in der HNA ein Artikel, in dem sich der Naturpark-Geschäftsführer Jürgen Depenbrock wie folgt auf mich bezieht.
Zitat: „Letztlich gibt es noch eine blinde Person, die in fußläufiger Entfernung wohnt, durchaus aber in der Lage ist, den Weg auch ohne das Geländer zu laufen.“
Das ist nicht wahr. Der überwiegende Teil des Wegs wird für mich ohne die Orientierungshilfe künftig aufgrund von Herbstlaub, Matsch, Schnee oder Eis an vielen Tagen nicht mehr begehbar sein, und dass, obwohl ich mich auf vielen anderen Waldwegen ansonsten gut orientieren kann. Ich werde bei entsprechend schlechten Bedingungen auch nicht mehr in der Lage sein, die von mir 2012 gesponserte Bank am Geilebach aufzusuchen. Da das hölzerne Leitsystem schon seit längerem größere Lücken aufweist, konnten andere, in der Nähe wohnende Blinde den Weg in den letzten Jahren übrigens gar nicht ausprobieren. Und nochmal zur Erinnerung: Das Geländer ist auch für Menschen mit Sehbehinderung, geschwächter Konstitution, beginnender Demenz und anderen Orientierungsschwierigkeiten hilfreich.

Ich werde künftig trotzdem versuchen, diesen direkt am Waldrand gelegenen Weg zu gehen, so wie ich es die letzten 20 Jahre gemacht habe, auch wenn es ohne die Orientierungshilfe nun wesentlich schwieriger und auch gefährlicher ist. Mir bleibt gar keine andere Wahl, wenn ich weiterhin in den Wald will.

Mehr zu Geschichte, Zweck und Nutzen des Blindenleitsystems und ein persönlicher Kommentar von mir: https://harleswald.de/blindenpfad
Mein Twitter-Account auf https://twitter.com/harleswald zeigt, dass ich mich intensiv mit dem Thema „Menschen im Wald“, Forstwirtschaft und zugehörigen Wissenschaften beschäftigt habe. Viele meiner Twitter-Follower sind Wald- und Forstprofis, u.a. die Naturwaldakademie, der Deutsche Forstwirtschaftsrat, Peter Wohlleben, Hubert Weiger (BUND), NABU Hessen, Forstpraxis.de, die Niedersächsischen Landesforsten, das Kompetenz- und Informationszentrum Wald und Holz der FNR, PEFC Deutschland und viele weitere.

Vorgeschichte

Die Argumente von Hessen Forst und Naturpark sind zwar teilweise verständlich, aber aufgrund der Vorgeschichte wirkt es so, als ob die aktuelle Waldschadenssituation dazu benutzt werden soll, sich der Orientierungshilfe auf dem Blindenpfad zu entledigen, ohne dafür Ärger zu bekommen. Früher hat dies der Begründer des Blindenpfades, Claus Eichel, durch seine vielen Kontakte, u. a. zum verstorbenen Regierungspräsidenten Lübcke und seinen Bruder Hans Eichel, verhindert. Claus Eichel verstarb 2016.

Der Geschäftsführer des Zweckverbands Naturpark Habichtswald hatte im Sommer 2017 in einem HR-Fernsehinterview und in einem Zeitungsartikel noch zugesagt, die damals durch Vandalismus entstandenen Schäden reparieren zu lassen. Bis Dezember 2017 wurde jedoch lediglich ein Teilstück erneuert. Seitdem ist so gut wie nichts mehr passiert. Es ist verständlich, dass der Naturpark nicht über genügend Personal und Finanzen verfügt, um den Weg für eine kleine Gruppe behinderter und älterer Menschen und jene, die Angst haben, sich im Wald zu verlaufen, mit eigenen Mitteln erhalten zu können. Leider hat die Naturparkverwaltung in den letzten 4 Jahren aber auch jede angebotene Unterstützung durch andere abgelehnt. Warum das so ist, weiss ich nicht und kann es nur vermuten.

  • mein 2016 und 2017 mehrfach vorgetragenes Angebot, einen Hauptsponsor für den Blindenpfad zu suchen, wurde stets mit dem Argument zurück gewiesen, dass so ein Sponsor dann vielleicht auch mitbestimmen wolle. Dies sei aber unerwünscht.
  • 2017 wurde ein Angebot von Privatpersonen und Handwerkern, das Geländer zu reparieren, mit der Begründung eines angeblich zu hohen organisatorischen Aufwands abgelehnt.
  • 2019 wurde dem Naturpark auf seiner öffentlichen Facebook-Seite der Vorschlag unterbreitet, bei der Aktion Mensch eine Förderung von 5000 Euro oder mehr zu beantragen, was einfach zu bewerkstelligen wäre. Eine Antwort gab es nie. Siehe hier.
  • Im April 2020 forderte die Naturparkverwaltung mich auf, ihre Kontodaten und einen Spendenaufruf für den Blindenpfad von meiner Webseite Harleswald.de/blindenpfad zu entfernen. Im Sommer 2017 wurde ich noch ausdrücklich darin bestärkt, zu Spenden aufzurufen.
  • Schließlich wurde am 20.07.2020 plötzlich und ohne Erklärung ein erster Teil des Geländers entfernt. Erst auf eine Nachfrage hin kündigte der Naturpark-Geschäftsführer am 24.07. den geplanten Abbau des restlichen, voll funktionsfähigen Leitsystems an.
  • Alle hier aufgestellten Behauptungen sind belegbar oder können von Zeugen bestätigt werden.

Das Alles wirkt leider so, als ob man beim Zweckverband Naturpark Habichtswald nie wirklich daran interessiert war, Unterstützung für den Erhalt des Blindenpfades zu bekommen. Vielfältiges Engagement von anderen wurde verhindert. Es scheint, als ob das Ende dieses Weges schon seit längerem beschlossen sei und nicht erst aufgrund der aktuellen Waldschadenssituation und den damit verbundenen Sicherheitsbedenken. In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass es auf der offiziellen Naturpark-Website schon seit etlichen Jahren keinerlei Hinweis mehr auf den Blindenpfad gibt, genauso wenig wie in den vielen Beiträgen auf der seit 2013 existierenden Seite Facebook.com/NaturparkHabichtswald. Es muss auch noch einmal erwähnt werden, dass der Blindenpfad dem Forstamt Wolfhagen schon lange ein Dorn im Auge ist, da das Geländer bei der Waldbewirtschaftung stört. Das habe ich wenigstens so von Förstern gehört.

Kontakt

Ich freue mich über Hinweise, Verbesserungsvorschläge, Unterstützung, Fragen und Kritik. Wer mich kontaktieren möchte, kann dies via 0561-58554552, reisendermobil (gefolgt von) @googlemail Punkt com, Twitter, Facebook oder das folgende Kontaktformular tun.

Vielen Dank!