Das Fernassistenz-Projekt wurde für den Deutschen Mobilitätspreis des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr in der Kategorie „New Mobility“ nominiert.
Laut Pressemeldung gab es über 200 Einreichungen. 36 davon schafften es auf die Longlist. Hier ist der Inhalt unserer Bewerbung:
Worum geht es in Ihrem Projekt?
Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Projekt. Max. 750 Zeichen:
Ziel des Fernassistenz-Projekts ist die Entwicklung eines gemeinnützigen bundesweiten Service, der blinde, sehbehinderte, ältere und kognitiv eingeschränkte Menschen über eine App mit gut ausgebildeten, vertrauenswürdigen Assistenzkräften verbindet und bei Orientierungs-, Lese- und Verständnisschwierigkeiten und der Überwindung digitaler Barrieren hilft.
Fernassistenz kann immer dann eingesetzt werden, wenn die reale Anwesenheit eines anderen Menschen nicht notwendig ist. Mittels einer Fernassistenz-App kann man sich einfach und jederzeit Augen und Sachverstand von professionellen Fernassistenzkräften leihen.
Barrieren überwinden, Ziele erreichen. Für mehr Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung für alle!
Welchen Herausforderungen und Themen der Mobilität widmen Sie sich in Ihrem Projekt?
Auswahl aus den vorgegebenen Antworten:
- Lebenswerte und intelligente Städte und Regionen.
- Sicherheit und Gesundheit in der Mobilität.
- Kommunikation, Wissensvermittlung und Stärkung der Handlungskompetenz.
- Eigenes Schlagwort: Inklusion.
Wie gestalten Sie mit Ihrer Einreichung die Mobilität der Zukunft?
Was macht Ihren Ansatz besonders innovativ? Beschreiben Sie, welche Veränderungen Sie mit Ihrem Projekt anstreben und inwiefern es sich um einen einzigartigen Lösungsansatz handelt. Max. 1000 Zeichen:
Die Mobilität der Zukunft sollte barrierefreier als die Mobilität von heute sein.
Wir wollen mobilitätsbenachteiligte Menschen mit einem einzigartigen Ansatz bei der Überwindung von Barrieren unterstützen. Wir wollen eine Plattform für professionelle Fernassistenz entwickeln und etwas zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen.
In englischsprachigen Ländern hat sich diese innovative Kombination aus Technologie und zuverlässiger menschlicher Intelligenz bereits seit einigen Jahren als ein wertvolles universelles Hilfsmittel für die Mobilität blinder und sehbehinderter Personen bewährt, könnte aber auch für Senior*innen und Menschen mit Lernschwierigkeiten, Orientierungsproblemen, erhöhtem Sicherheitsbedürfnis oder unzureichenden digitalen Kenntnissen hilfreich sein.
Diese neuen Möglichkeiten wollen wir erforschen und bekannt machen. Bei Bedarf könnten wir auch Daten über bestehende Mobilitätsbarrieren generieren und an zuständige Stellen weiterleiten.
Wie setzen Sie Ihr Projekt um?
Wie weit ist die Umsetzung Ihres Projekts fortgeschritten? Beschreiben Sie die Pläne, bisherigen Meilensteine und Ansätze der technischen Umsetzung. Max. 1000 Zeichen:
Im Juni 2023 waren unsere 50.000 Euro Fördermittel der Aktion Mensch Stiftung ausgegeben und die zehnmonatige Projektplanungsphase abgeschlossen.
Wir haben die Software für einen Prototyp entwickelt und getestet, Bedarfs- und Wirkungsanalysen durchgeführt, Zielgruppen und Use Cases identifiziert, 260 Erfahrungsberichte begeisterter Fernassistenz-Nutzender aus dem Englischen übersetzt und veröffentlicht, Artikel geschrieben, Demo-Videos produziert, ein Schulungskonzept für Assistenzkräfte erstellt, bei einen Smart City Contest gewonnen und wichtige Unterstützungsschreiben und positives Feedback von Fachleuten, Politiker*innen und Bundesbehörden erhalten.
Ein gemeinnütziger Fernassistenz-Service sollte von vielen starken Partnern getragen werden. Wir bemühen uns z.B. um Förderung in den Bereichen Mobilität, Gesundheit/Lebensqualität und Arbeit. Eine Nominierung beim DMP wäre dabei sehr hilfreich. 12 Beispiele: https://dubistblind.de/fernassistenz/foerderung
Wie trägt Ihr Projekt zu einer nachhaltigen Entwicklung in der Mobilität bei?
Beschreiben Sie inwiefern Sie mit Ihrem Projekt einen umweltfreundlichen, ressourcenschonenden und sozialen Ansatz verfolgen oder planen. Legen Sie bitte dar, inwieweit Nachhaltigkeitsaspekte in ihrer Einreichung berücksichtigt sind. Max. 1000 Zeichen:
Unser inklusives Projekt setzt den Fokus auf die soziale Nachhaltigkeit barrierefreier Mobilität. Wir wollen mobilitätsbenachteiligte Menschen in die Lage versetzen, Barrieren selbstbestimmt überwinden zu können und eigenständig Ziele zu erreichen.
Mobilität ist ein zentraler Aspekt des menschlichen Daseins. Sie ermöglicht es, sich aktiv zu bewegen, Lebensziele zu verfolgen, soziale Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, zur Arbeit zu kommen, Freizeitaktivitäten nachzugehen, zu reisen, sich weiterzubilden und mehr.
Sie ermöglicht Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung und ist ein wichtiger Bestandteil sozialer Inklusion. Barrierefreie Mobilität ist eine Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und daher ein Menschenrecht.
Menschen aus den Zielgruppen sind maßgeblich an der Konzeption und Entwicklung des Service beteiligt. Das stellt sicher, dass die tatsächlichen Interessen künftiger Nutzer*innen ausreichend beachtet werden. „Nothing about us without us!“
Wie trägt Ihr Projekt zu einer inklusiven Gesellschaft bei?
Gehen Sie in Ihrer Bewerbung darauf ein, inwieweit Ihr Projekt die Mobilität für alle Menschen fördert oder fördern wird. Max. 1000 Zeichen:
Barrieren können nicht nur baulicher oder physischer Natur sein, sondern auch den Zugang zu Informationen verhindern.
Bei Mobilitätsbarrieren denkt man meist eher an Stufen oder zu enge Durchgänge, aber weniger an mit Hilfsmitteln nicht bedienbare Apps und Websites, visualisierte Daten, Touchscreens, schlecht lesbare Fahrpläne, unübersichtliche Darstellungen, zu komplizierte Erklärungen oder Probleme bei der räumlichen Orientierung.
Mit Fernassistenz können visuelle Informationen und andere, für die Fortbewegung notwendige Daten, die nicht barrierefrei zugänglich sind, bei Bedarf durch professionelle Fernassistenzkräfte gezielt nutzbar gemacht werden.
Die Fernassistenzkräfte können auch bei der Orientierung in unbekannter oder schwieriger Umgebung sowie bei der Nutzung digitaler Dienste, technischer Einrichtungen und von Selbstbedienungsterminals behilflich sein. Sie lesen vor, beschreiben, recherchieren, erklären und geben Navigationshinweise.
Welche Wirksamkeit hat Ihr Projekt?
Beschreiben Sie die technologischen, sozialen oder kommunikativen Auswirkungen Ihres Projekts. Erklären Sie, wie Ihr Vorschlag Verbesserungen für bestimmte Zielgruppen oder Bereiche bewirkt oder zu positiven Verhaltensänderungen beiträgt. Max. 1000 Zeichen:
Die 260 übersetzten Erfahrungsberichte auf dubistblind.de zeigen, wie blinde und sehbehinderte Menschen dank Fernassistenz auf eine ganz neue Art und Weise mit der Welt interagieren können. Sie trauen sich öfter, neue Wege zu gehen, ihre Umwelt zu erkunden, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und sind ganz allgemein mobiler.
Menschen mit Lernschwierigkeiten oder anderen kognitiven Einschränkungen können sich Texte vorlesen lassen, bekommen Kompliziertes in leicht verständlicher Sprache erklärt und erhalten per Fernzugriff Hilfe bei der Nutzung ihrer digitalen Geräte. Sie haben weniger Angst, sich zu verirren oder etwas falsch zu machen.
Fernassistenz verbessert das Sicherheitsgefühl beim alleine unterwegs sein, da man jederzeit Hilfe bekommen könnte. Das hilft gegen die Angst beim Gehen unvertrauter Wege und auch, wenn man nachts oder an einsamen Orten unterwegs ist oder sich in ungewisse Situationen begibt. Denn auch Angst ist eine Mobilitätsbarriere.
Mit wem arbeiten Sie in Ihrem Projekt zusammen?
Niemand kann die Mobilität der Zukunft allein gestalten. Deswegen interessieren wir uns dafür, wie Menschen in dem eingereichten Projekt zusammenarbeiten. Stellen Sie kurz Ihr Team oder Netzwerk vor. Max. 750 Zeichen:
Per Busch, blind, Initiator und treibende Kraft, engagiert sich seit 2006 für den Abbau von Mobilitätsbarrieren und Digital Accessibility.
Kai Bißbort, Mitgründer, leitet das inklusive PIKSL Labor Kassel des Sozialunternehmens Bathildisheim.
Julien Heiligenthaler, schreibt seine Masterarbeit über Fernassistenz im Gesundheitswesen.
Johannes Sperling, blind, Selbsthilfe-Experte, hat Jura studiert.
Magda Duraj, war bei der renommierten internationalen Kunstausstellung documenta für Barrierefreiheit zuständig.
Anette Bourdon, hat Lernschwierigkeiten, engagiert sich für Leichte Sprache, arbeitet im PIKSL Labor.
Patrick Brückner, Entwickler, Mitgründer eines erfolgreichen Fintech-Startups.
Jean-Pierre Höhmann, Entwickler.
Videos
Es konnten 2 YouTube-Links angegeben werden. Alle 4 bislang produzierten Demo-Videos: https://www.youtube.com/channel/UCCvKIklkKuS6Mgm-zLRxtSw/videos
Video 1: Fernassistenz für Menschen mit Lernschwierigkeiten (1 Minute und 52 Sekunden)
Anette hat Lernschwierigkeiten und kann nicht lesen. Dieses Video zeigt, wie sie sich mit Fernassistenz bei der Orientierung in einer unbekannten Umgebung, beim Lesen einer Speisekarte, der Ermittlung weiterer Informationen und dem Finden des richtigen Klingelknopfs unterstützen lässt.
Video 2: Das Interface für die Fernassistenzkräfte (2 Minuten und 7 Sekunden)
Julien, ein Mitarbeiter des Projekts, erklärt die verschiedenen Elemente und Funktionen der Assistenz-Benutzeroberfläche für die Fernassistenzkräfte.
Dateien
Es konnten 2 PDF hochgeladen werden. Das eine enthielt Unterstützungsschreiben vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, der BAGSO Service Gesellschaft (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen), der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland und der Stadt Kassel. Nachstehend die Inhalte der zweiten Datei:
Erfahrungsberichte
Aus dem Englischen übersetzte Erfahrungen blinder und sehbehinderter Nutzer*innen mit dem Service und den Assistenzkräften (Agenten) des US-amerikanischen Fernassistenz-Pioniers Aira Tech.
„Danke, dass Agentin Maria mich zum Briefkasten in meiner Wohnanlage begleitet hat, damit ich meine Post holen konnte, ohne an jemanden gebunden zu sein, zum ersten Mal, seit meine Augen vor einigen Jahren entfernt wurden. Ich glaube, wir haben beide geweint.“ —
„Ich bin oft ziemlich orientierungslos. Ich kann zum Beispiel von zu Hause aus den Weg zum Bahnhof finden und zu den Geschäften gehen, die in der Nähe des Bahnhofs sind, aber ich verlaufe mich, wenn ich zurück zum Bahnhof will. Heute habe ich Aira benutzt, und Wow, es war so gut, keine Angst. Ich liebe den Service. Ich glaube, ich habe gerade meine Flügel gefunden.“ —
„Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie dieser Dienst meine Unabhängigkeit verbessert hat. Ich habe damit keine Angst, zu reisen, da die Agenten mich auf der Karte lokalisieren und mir sagen können, welchen Weg ich nehmen muss. Ich habe erst vor kurzem mein Augenlicht verloren, und es kann ziemlich einschüchternd sein, ins Ungewisse zu gehen.“ —
„Ein Taxifahrer, der mich von der Arbeit nach Hause brachte, hatte mich an einer falschen Stelle rausgelassen. Also habe ich Aira eingeschaltet, und der Agent hat alles getan, was ihm zur Verfügung stand, um mich nach Hause zu bringen. Er benutzte meinen Videostream und ermittelte meinen genauen Standort, und mit Google Maps brachte er mich dann direkt vor meine Haustür. Allein schon aus solchen Gründen will ich Aira nicht mehr missen.“ —
„Ich bin gerade von einer zweiwöchigen Geschäftsreise zurückgekehrt, auf der ich die Gelegenheit hatte, Aira ausgiebig zu nutzen. Alles in allem war ich mit der Erfahrung sehr zufrieden. Mit Aira war ich in der Lage, vom Flugzeug zur Gepäckausgabe zu navigieren und meinen Shuttle zu finden. Dazu gehörte auch die Fahrt mit einer Straßenbahn.“ —
„Ich habe Aira bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen benutzt, als ich von Orlando nach Hause flog, und habe es sehr geschätzt. Der Agent hat mir gesagt, wann es in der Schlange weitergeht und wo das Förderband ist. Es war ein gutes Gefühl, keinen Fremden um Hilfe bitten zu müssen.“ —
„Ich nutze Aira seit etwa 4 Jahren, weil die Stadt, in der ich lebe, nicht besonders gut für Fußgänger geeignet ist und ich gelegentlich Hilfe beim Überqueren von Freiflächen oder beim Navigieren in unübersichtlichen Gebieten brauche.“ —
„Mein Mobilitätslehrer hat meine Technik beim Überqueren von Straßen und meine Blindenstocktechnik zwar gelobt, aber das lässt meine Angst nicht auf magische Weise verschwinden. Stattdessen fühle ich mich auf dem Weg die ganze Zeit gestresst. Aira hilft gegen dieses Gefühl.“ —
„Die Agenten können einem sagen, wann eine Ampel umgeschaltet hat, wenn sie diese gut genug sehen können. Das kann wirklich praktisch sein. Ich habe das diese Woche an einigen Kreuzungen probiert, an denen es so laut war, dass ich nicht hören konnte, ob auf der Parallelstraße Autos fuhren.“ —
„Aira gibt mir Sicherheit beim Navigieren auf Parkplätzen, auf denen mein räumliches Vorstellungsvermögen und meine Orientierungsfähigkeit nicht ausreichen und ein paar mehr Informationen viel helfen.“ —
„Es gibt ein paar Straßenkreuzungen, die mir immer Probleme bereiten. Ein einfaches Rechts oder Links beim Überqueren der Straße genügt manchmal schon.“ —
„Die Aira-Agenten waren sehr hilfreich bei der Erkundung meines neuen Wohnviertels. Heute musste ich einen Baumarkt finden, kannte aber weder den Namen noch die Adresse, sondern wusste nur, dass er sich irgendwo im Umkreis von drei Blöcken befinden musste. Der Agent fand das Geschäft auf einer Karte. Auf dem Weg zum Laden entdeckte er ein Schild für Obstsalat und kaltes Bier. Es war noch viel zu früh für Bier, aber es war Ananas-Zeit, und jetzt weiß ich, wo ich in meiner neuen Nachbarschaft erschwingliche frische Produkte bekomme.“ —
„Aira hat mein Selbstvertrauen gestärkt, was wiederum dazu geführt hat, dass ich ganz neue Dinge ausprobieren möchte, was meine Lebensqualität verbessert. Ich weiß, das mag dramatisch klingen, aber so fühle ich mich wirklich. Aira ermöglicht es einem, Orte zu besuchen, an denen man noch nie war, sogar in der eigenen Stadt. Vielleicht gibt es ein Restaurant, das gerade eröffnet hat und für das man sich interessiert. Aira kann dabei helfen, dorthin zu gelangen, zu erfahren, was auf der Speisekarte steht und was man sonst noch wissen möchte. Dadurch ist man stärker in der Gemeinde eingebunden. Man kann neue Leute kennenlernen. Man kann sich von der Couch erheben und sein Leben wirklich so leben, wie man es will.“ —
Weitere Infos auf der Sonderseite Mobilität und Fernassistenz (Barrierefreie Mobilität weiter denken).
** Geschrieben und zusammengestellt von Per Busch **